Experten gegen deutsches Vorbild

10. September 2008, 14:57
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In Österreich wird nur die Aussagefähigkeit beurteilt - In Deutschland wird die Glaubwürdigkeit von Missbrauchs-Opfern geklärt

Wien - Die Rolle, die Gerichtspsychiater hierzulande in Strafverfahren um sexuellen Missbrauch von Kindern spielen, unterscheidet sich fundamental von der Rolle, die sie in Deutschland haben. Der gutachterlichen Tätigkeit des Wiener Kinder- und Jugendpsychiaters Max Friedrich steht auch unter Kritik, weil deutsche Kollegen seine Methoden als fragwürdig in Zweifel stellen.

Während in Österreich die Sachverständigen zu klären haben, ob bei einem Kind überhaupt Aussagefähigkeit und Aussagetüchtigkeit vorliegt und ihnen zur Beantwortung dieser Frage völlige Freiheit bei der Methodenwahl zukommt, haben Psychiater in deutschen Strafprozessen die Glaubwürdigkeit der kindlichen Opfer zu beurteilen. Mit einer ganz bestimmten Methode, der Aussagepsychologie versuchen sie zu ergründen, ob das Kind die Wahrheit sagt oder nicht.Diese Aufgabe fällt in Österreich bereits in die richterliche Beweiswürdigung. Diesbezügliche Feststellungen sind somit ausschließlich Aufgabe des Gerichts.

Experten gegen deutsches Vorbild

In Österreich sprechen sich Experten dagegen aus, in Missbrauchsfällen die Beweiswürdigung nach deutschem Vorbild an Gutachter auszulagern. Die Sachverständigen sollten auf ihre bisherigen Aufgaben beschränkt bleiben. "Ich halte es für fatal, würde man die Frage der Glaubwürdigkeit an Sachverständige übertragen und diese in ihren Methoden einschränken", meint etwa Eva Plaz, die als Opferanwältin seit Jahren missbrauchte Kinder vor und bei Gerichtsverfahren betreut. Diesen Weg zu beschreiten, hieße den Ausschluss weiterer Erkenntnisquellen in Kauf zu nehmen. "Das kann nicht dem Interesse der Wahrheitsfindung dienen", so Plaz .

Im Fall jenes Kärntners, der nach 21 Monaten in Haft nach einer Wiederaufnahme seines Verfahrens freigesprochen wurde, können unterschiedliche Gutachten folgende Gründe haben:

Wenn Max Steller, Professor am Institut für Forensische Psychiatrie in Berlin feststellt, Friedrichs ursprüngliches Gutachten wäre "fehlerhaft und kontraindiziert", das könnte mit dem unterschiedlichen Selbstverständnis zusammenhängen, mit dem die beiden Wissenschafter an ihre Funktion als Gerichtsgutachter herangehen.

Dasselbe gilt auch für Norbert Nedopil, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie am Klinikum München, der ebenfalls im Kärntner Missbrauchsfall zurate gezogen wurde und Friedrich vorwarf, die "Standardmethoden der Begutachtung" nicht zu beherrschen, weshalb dessen Befund nicht nachvollziehbar sei.(APA)

 

 

 

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