Das ist die Zukunftsmusik für den Tanz

8. September 2008, 18:58
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Bei einem (präzisen) "Woodstock"- Denkkonzert zur Zukunft des Tanzes und in einem Jungkuratorinnen-Format geht es im Tanzquartier Wien um Hinweise darauf, wohin sich die Sparte heute bewegt

Konstellationen zu schaffen, die eine größtmögliche Denkfreiheit ermöglichen, ist die Intention von Tanzquartier-Leiterin Sigrid Gareis bei dem großen Saison-Eröffnungs-Denk-Fest (Precise) Woodstock of Thinking. An zehn aufeinanderfolgenden Abenden formulieren je fünf internationale Choreografen, Theoretiker, Performer, Veranstalter und Publizisten jeweils eine Stunde lang ihre Sicht auf die Zukunft von Tanz und Performance.

Das macht insgesamt 50 Experten und 50 Stunden freies Diskutieren, Prognostizieren und unverstelltes Experimentieren. "Wir wollen gute Gastgeber sein und einen Treffpunkt herstellen, an dem Zuschauer und Teilnehmer stressfrei über den Zustand und die Zukunft der Sparte nachdenken können", erklärt Gareis.

Im Tanzquartier eingeführt hat das Format des Marathons, das für jeden Teilnehmer dieselben Bedingungen schafft, sonst aber keine Vorgaben macht, vor zwei Jahren der Regisseur und Kurator Ong Keng Sen aus Singapur. Seither hat sich das Modell immer wieder bewährt. In dieser Dimension allerdings ist der Think-Tank neu.

Die Liste der 50 illustren Experten liest sich wie das Who's who der Szene, mit dabei sind u. a. Philipp Gehmacher, Hans-Thies Lehmann, Rabih Mroué, Jan Ritsema, Veronica Kaup-Hasler, Bojana Kunst, Tim Etchells und Jennifer Lacey. Alle Akteure waren in der Gründungsära bereits im Tanzquartier präsent. "Es herrscht eine Grundsicherheit des Verständnisses. So kann eine Vertrauensdynamik für ungeschütztes Denken entstehen." So erklärt Gareis, weshalb es ihr in diesem Kontext einmal nicht darauf ankam, neue Leute zu entdecken. Eine These habe man bewusst nicht vorgegeben, auch keine Abstracts verlangt. Freie Reflexion ist die gestellte Aufgabe, die die geladenen Gäste gerne angenommen haben.

Holzlager für Denkhackler

Zwei Studios stehen für die Beiträge zur Verfügung. Das dritte Studio dient als Treffpunkt, an dem gegessen, getrunken und natürlich geredet und weitergedacht werden kann. Der bildende Künstler Daniel Zimmermann hat dafür den Titel wörtlich genommen und baut als "Wood-Stock" ein Holzlager auf. "Vielleicht spielen wir dort ja die Musik von Woodstock, mal sehen." Auch das kann sich Gareis vorstellen.

Im Internet wird jeden Tag nachzulesen sein, was sich am Abend vorher beim Denk-Fest zugetragen hat. Und zum Saisonende ist eine Buchpublikation geplant, zu der die beim Woodstock generierten Ideen den Ausgangspunkt liefern sollen.

Die Zukunft der Sparte, das ist vor allem die junge Generation von Choreografen und, nicht zu vergessen, alle jener, die mit ihnen zusammenarbeiten: etwa Dramaturgen, Produktionsleiter, Veranstalter oder Theoretiker. Dieser Konstellation ist ein eigenes Format im Dezember gewidmet. ALLREADY lautet der Titel dieser offenen Plattform für alle, die "bereit sind aufzutauchen", wie es die Kuratorinnen Doris Uhlich, Elisabeth Hirner und Marlies Pillhofer formulieren. "Wir haben den Begriff 'Nachwuchs' vermieden, denn 'Auftauchende' sind nicht nur junge Leute, sondern solche, die beginnen wollen", erklärt Pillhofer.

Das Beginnen als besonderer Vorgang wird hier unterstützt, so gut es geht. Es gibt Workshops mit Eduard Gabia und Linda Samaraweerová für Laien, die sehen wollen, was so alles zu einer Performance dazugehört, Feedbacksessions für "emerging choreographers" und natürlich die Möglichkeit, Stücke zu zeigen. So untersuchen Madalina Dan und Eleanor Bauer ihre Performance-Praxis in zwei Arbeiten so ironisch wie kritisch.

ALLREADY liest sich anagrammatisch als "Rea Ladly", und unter diesem Künstlernamen wurden drei erste Arbeiten zum Entstehen gebracht. Am Anfang waren Ideen für Choreografien von Menschen, die zuvor noch keine gemacht hatten, und im Dezember werden daraus drei Uraufführungen geworden sein, begleitet vom ALLREADY-Team: Eine Ausdruckstanz-Massenperformance, eine Hommage an das eigene Lieblingslied und eine Anleitung zum Fliegen.

Ob Visionen abheben können, hängt oft auch von dem Netzwerk ab, das die Künstler pflegen. Erste Kontakte können bei einem "Working Net" geknüpft werden: Experten aus Produktion, Technik, Dramaturgie etc. stehen Rede und Antwort für neugierige "Auftaucher".

Am Ende der Insel steht ein Ausblick. "Was tanze ich in 20 Jahren?", überlegen die drei jungen Künstler Pieter Ampe, Ewa Ban-kowska und Doris Uhlich - eine antizipative Reflexion ihrer Arbeit und ihrer Zukunft. Auftauchende Rezipienten sind willkommen! (Judith Helmer/DER STANDARD/Printausgabe, 09.09.2008)

  • (Precise) Woodstock of Thinking, TQW-Studios, vom 10. bis zum 20. 9., jeweils ab 18.00
  • ALLREADY, vom 16. bis 19. 12.

Link

Genaues Programm auf tqw.at

  • Auch Drag gehört zur Zukunft des Tanzes, wie hier zu sehen bei Tina C, die genau weiß, wo man sich heute als Künstler niederlassen soll. Mit "Tina C - Tick My Box" gastiert sie am 29. November in der TQW-Halle G bei "It's Our Pleasure".
    Foto: Tina C

    Auch Drag gehört zur Zukunft des Tanzes, wie hier zu sehen bei Tina C, die genau weiß, wo man sich heute als Künstler niederlassen soll. Mit "Tina C - Tick My Box" gastiert sie am 29. November in der TQW-Halle G bei "It's Our Pleasure".

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