Nachgefragt: Fritz Dinkhauser

7. September 2008, 12:42
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Tiroler für breitere Sportförderung, Neuverteilung der Fördermittel, Ausdehnung der Turnstunden und gegen kommerzielle Verflechtung von Medien und Verbänden

Standard: Befürworten sie eine Zusammenlegung der drei Dachverbände ASKÖ, SPORTUNION, ASVÖ?
Dinkhauser: Es geht um Sportpolitik und nicht um Parteipolitik. Österreich ist zu klein für eine derartige Splittung von Sportinteressen. Eine Vereinheitlichung ist sicher sinnvoll.

Standard: Befürworten sie eine Konzentration der Fördermittel auf medaillenträchtige olympische Disziplinen?
Dinkhauser: Medaillenträchtige olympische Disziplinen sind bereits besser gefördert. Sowohl seitens der Fachverbände als auch seitens der Privatwirtschaft. Es würde Sinn machen, zusätzlich jene Disziplinen zu fördern, die von privatwirtschaftlichen Förderungen (Sponsoring) ausgeschlossen sind.

Standard: Ist es sinnvoll, die Sporterziehung auf Sieg und Leistungsoptimierung zuzuschneidern?
Dinkhauser: Sinnvoll sind Lust und Freude am Sport und eine Animation zum Breitensport generell. Dabei ist die Ausübung von zwei Wochenstunden in den Schulen sicherlich zu wenig. Deshalb muss der Zugang zu Sportstätten für Funktionäre und Vereine kostenlos sein. Auch die Benützung von Skiliften müsste für Jugendliche gratis sein. Denn der Spitzensport ist immer eine natürliche Folge des Breitensportes - weil nur Lust und Freude am Sport einen zu Höchst- bzw. Spitzenleistungen anspornen.

Standard: Befürworten sie eine Neuverteilung der Fördermittel, da der Fußball derzeit zu viel aus den Lotto-Mitteln erhält?
Dinkhauser: Ja, ich befürworte eine solche Neuverteilung. Denn der Spitzen-Fußball müßte über privatwirtschaftliche Zuwendungen finanzierbar sein. Dann würden mehr Fördermittel für den Breitensport zur Verfügung stehen.

Standard: Befürworten sie ein Berufsbild Sportler und eine Lehrlingsausbildung Sport, ähnlich der in England?
Dinkhauser: Nein. Aber die derzeitigen Angebote wie z.b. Sporthauptschulen, Skigymnasien, Fußball-Akademien könnten ausgedehnt werden. Ich kann mir ein Modell, dass dem US-amerikanischen angelehnt ist, vorstellen. In den USA werden Sporttalente über Colleges und Universiäten gefördert.

Standard: Befürworten sie die tägliche Turnstunde? Oder zumindest die Vermehrung der schulischen Bewegungseinheiten, im berufsbildenden Zweig findet ja bis heute null Bewegungsunterricht statt?
Dinkhauser: Ja, natürlich, momentan gibt es viel zu wenige Bewegungs- bzw. Turnstunden. Die positiven Erfahrungen im Sport lassen sich in den Alltag mit hineinnehmen. Menschen werden durch regelmäßige Bewegung leistungsbereiter, risikofreudiger und entschlusskräftiger.

Standard: Befürworten sie eine stärkere Kontrolle des (autonomen) Sports durch die Politik?
Dinkhauser: Nein. Ich befürworte die Verbesserung der Rahmenbedingungen durch die Politik.

Standard: Ist die Anzahl der Medaillen und allgemein das Abschneiden bei Olympia ein aussagekräftiger Wert für die Leistungsfähigkeit des österreichischen Sports?
Dinkhauser: Nein, das ist kein aussagekräftiger Wert für den Sport oder gar über Sport-Talente, sondern eher ein Wert über die Leistungsfähigkeit der Sportfunktionäre. Die Rahmenbedingungen für den Sport sind in Österreich schlechter als in anderen Ländern.

Standard: In Österreich fehlen, vor allem in Wien, Sportstätten, überwiegend Hallen. Was würden sie dagegen unternehmen?
Dinkhauser: Öffentliche Einrichtungen wie z.B. Schulen müssen für den Vereinssport zum Nulltarif geöffnet werden. Diese Einrichtungen sind bereits durch den Steuerzahler finanziert.

Standard: Warum wird der Sport nicht stärker propagiert - als Prävention, als Sparmaßnahme in der Krankenversicherung?
Dinkhauser: Das ist nicht die Aufgabe der Sozialversicherung. Das ist Aufgabe der Schul- und Sportpolitik.

Standard: Befürworten sie die Kriminalisierung und strafrechtliche Verfolgung von Doping-Sündern und deren Helfern?
Dinkhauser: Doping ist weder ein Kavaliers- noch ein Kriminaldelikt. Wichtig sind hier permanente Aufklärung über gesundheitsschädigende Folgen und Spätfolgen. Aufklärung, Kontrolle und rigorose Konsequenzen sind die Mittel zur Bekämpfung. Wenn jeder im Radsport wüßte, dass er kontrolliert wird und ihm im Falle rigorose Konsequenzen drohen, würde das auf Dauer seine Wirkung zeigen.

Standard: Sollen im ORF mehr Randsportarten berücksichtigt werden? Und weniger Fußball und Ski, oder mehr davon?
Dinkhauser: Sport und Kultur gehören im ORF breit forciert. Die ORF-Sportberichterstattung geht tendenziell eher in Richtung Präsentation und damit Förderung des kommerziellen Sports. Ich vermisse TV-Berichte über den Breitensport im ORF.

Standard: Ist im ORF zu viel/zuwenig Sport im Programm?
Dinkhauser: Siehe vorherige Antwort, es gibt eher zuwenig Berichte über den Breitensport.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Medien (Zeitungen, ORF) und Sportverbänden und -vereinen.
Dinkhauser: Diese Verflechtungen sind unvereinbar mit einer Berichterstattung, die frei von kommerziellen Interessen ist. Damit die Unabhängigkeit in der Berichterstattung gegeben ist, sind dem ORF die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Standard: Wie bewerten sie die kommerzielle Verflechtung von Glücksspielmonopol und Sport, siehe Stickler, tipp3-Liga?
Dinkhauser: Siehe vorherige Frage und Beantwortung;

Standard: Sollte Sportsponsoring steuerbefreit sein?
Dinkhauser: Ja, aber das gilt generell für Kultur-, Sport und Sozialsponsoring.

Standard: Umweltschonender Tourismus - wie stehen sie zum Ausbau der Gletscher, zum Mountainbiking, zum Tourenskilauf?
Dinkhauser: Dem Ausbau der Gletscher kann ich nur nur mehr in Grenzfällen zustimmen. Genauso müssen Mountainbiking und Tourenskilauf je nach Bedarf und Region sinnvoll eingesetzt werden.

Standard: Sollte das Sportwettengeschäft zur Finanzierung des Sports herangezogen werden?
Dinkhauser: Ja, das ist sicher eine verantwortbare Finanzierungsmöglichkeit

Standard: Wie kann man die Integration durch Sport (Park-Käfige, Vereine, Integrationsfiguren wie Jukic) fördern?
Dinkhauser: Durch stärkere Einbindung und Förderung von Migranten in Vereinen. Bewegung als Impuls für die Integration für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ist u.a. ein hervorragender Ansatz, um die Integration zu erleichtern.

Standard: Wie stehen sie zu Beschränkungen für die Werbung, die sich beispielsweise bei Coca Cola über Sportler direkt an Kinder richtet?
Dinkhauser: Das ist sinnlos, weil das Angebot der Werbung lokal nicht beeinflußbar ist. Das ist eigentlich Aufgabe der Erziehungsberechtigten. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 8. September 2008)

 

 

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