Krimi-ähnliche Affäre erschüttert Topolaneks Partei

7. September 2008, 09:59
1 Posting

ODS-Rebell Tlusty ließ sich mit junger Frau in Sauna filmen - In die Falle eines Privatsenders tappte ein Parteikollege

Prag - Die jüngste Affäre in der tschechischen Politik hat alles, was einen spannenden Krimi ausmacht. Da wurde bespitzelt und gezielt provoziert. Fallen wurden gestellt und Jagd auf kompromittierendes Bildmaterial gemacht, Erpressung geplant. Im Mittelpunkt steht die Annäherung eines Politikers und einer jungen Frau. Regie: Die tschechischen Medien. In den Hauptrollen: Zwei Abgeordnete der konservativen Demokratischen Bürgerpartei (ODS) von Ministerpräsident Mirek Topolanek.

Am Anfang stand der Plan des privaten TV-Kanals "Nova'", auf mutmaßliche schmutzige Praktiken in der Politik aufmerksam zu machen. Ein geeigneter Köder schien dem Team investigativer "Nova"-Journalisten der rebellierende ODS-Abgeordnete Vlastimil Tlusty zu sein, der nicht verdaut hat, dass ihn Topolanek nicht zum Finanzminister in seine Koalitionsregierung gemacht hatte. Tlusty stimmte zu, sich als "Schauspieler" an der Produktion von kompromittierendem Bildmaterial zu beteiligen. Dieses sollte anschließend vertraulich verschiedenen Politikern und Lobbyisten angeboten werden. Würde jemand in die Falle tappen?

ODS-Abgeordneter beißt an

Der verheiratete Tlusty lässt sich also mit einer jungen Dame bei einem Gläschen in der Sauna filmen. Eine Serie von authentisch wirkenden "Schnüffler"-Aufnahmen entsteht. Ein vorgebliches Detektiv-Büro - tatsächlich Nova-Journalisten - bietet die intimen Aufnahmen Politikern an. Einige zeigen kein Interesse. Lange müssen die "Privatdetektive" aber nicht warten. Ein Rivale Tlustys und enger Verbündeter Topolaneks, der ODS-Abgeordnete Jan Morava (29), will das Material.

"Mein Wert für die ODS lag nie darin, geniale Programmerklärungen zu schaffen. Mein Wert lag immer darin, dass ich wusste, wie man sich Informationen beschafft", brüstet sich Morava beim Treffen mit den vermeintlichen Detektiven". Er hat keine Ahnung, dass "Nova" ihn mit versteckter Kamera filmt.

Im Austausch für die intimen Fotos mit Tlusty bietet Morava den vorgeblichen Schnüfflern einen Auftrag an. Jemand solle ihn "geheim" mit der Tochter der Grün-Abgeordneten Olga Zubova fotografieren. Ihn selbst habe seine Partei beauftragt, sich Tochter Martina zu nähern und sensible Informationen über deren Mutter zu sammeln. Deswegen sei er mit Martina seit längerem befreundet gewesen. Olga Zubova von den mitregierenden Grünen tritt gegen die geplante Stationierung des US-Radars in Tschechien auf und gefährdet die Ratifizierung der entsprechenden tschechisch-amerikanischen Verträge.

Die Fotos mit Martina sollten künftig dazu dienen, bei ihrer Mutter den Eindruck der Bespitzelung zu erwecken. "Es gibt einfach Sachen, für die man (im Parlament) Stimmen zusammenbringen muss, und die Motivation kann positiv oder negativ sein", sagt Morava.

Er bietet die Aufnahmen von Tlustys Tete-a-tete der Tageszeitung "Mlada fronta Dnes" an. Die ist vom TV-Sender über das Spiel informiert. Bei einem Treffen, bei dem Morava die Fotos mit Martina bekommen soll, lassen die Reporter alles auffliegen. Sie konfrontieren den intrigierenden Abgeordneten mit der vollen Wahrheit. Morava ist schockiert und tritt die Flucht nach vorn an. "Ich wollte mich nur interessant machen und wie James Bond aussehen. Ich wollte jener sein, der derartige Praktiken enthüllt. Ich war aber dumm und naiv."

Olga Zubova und ihre Tochter sind entrüstet. "Ich bedauere, dass ich dich getroffen habe. Du bist ein böser und gemeiner Mensch", heißt es in einem E-Mail von Martina an Morava. Und Topolanek tobt.

In einer emotionalen Gastrede am Freitagnachmittag auf dem Parteitag der Grünen im nordböhmischen Teplice (Teplitz) wies der Premier zurück, dass Morava im Auftrag der Partei gehandelt habe. Für die Affäre machte er neben Tlusty auch die Medien verantwortlich und forderte Tlusty auf, sein Abgeordnetenmandat niederzulegen. Morava hingegen sei ein "Opfer". In der Politik dürfe man keine derartigen Praktiken verwenden, nicht einmal die Medien. Man müsse endlich den "Augiasstall säubern und Ordnung machen", donnerte Topolanek.

Tlusty lehnte den Rücktritt ab. Er habe mit seiner "Schauspieler"-Rolle nur zur "Reinigung der tschechischen politischen Senkgrube" beitragen wollen. Und falls es jemanden störe, müsse man sich fragen, "wen und warum", meinte Tlusty, der innerhalb des ODS-Klubs im Unterhaus eine Rebellenfraktion anführt. Einige der Rebellen spielen mittlerweile mit dem Gedanken eines Austritts aus dem ODS-Klub. Das könnte der Koalition, die im 200 Abgeordnete umfassenden Unterhaus nur 100 Stimmen hat, gefährlich werden. (Petr Senk/APA)

 

Share if you care.