Zwischen Wehmut und Ernüchterung

5. September 2008, 16:32
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Endspurt ohne klare Favoriten bei den 65. Filmfestspielen - am Samstagabend werden die Preise vergeben

Bei der Pressevorführung des letzten Wettbewerbsfilms, Darren Aronofskys The Wrestler, saß, mit Wim Wenders an der Spitze, auch die Jury im Kino. Es war ihr 21. Film - man darf gespannt sein, wem sie am Samstagabend die Preise zuerkennen wird. Beim Publikum führt seit Tagen Hayao Miyazakis Zeichentrickfilm Ponyo on the Cliff by the Sea. Den italienischen Kritikern hat besonders das Irakdrama The Hurt Locker zugesagt, dicht gefolgt von Teza, einem Film des Äthiopiers Haile Gerima. In elliptisch angelegten Rückblenden wird darin die Fallgeschichte eines politischen Aktivisten erzählt - ein Film mit viel Energie, der jedoch an didaktischem Eifer krankt.

The Wrestler kommt wohl allenfalls für einen Schauspielerpreis infrage, den sich Mickey Rourke auch verdient hätte. Mit Wikingermähne und einem Hardbody, der das Alter dennoch durchscheinen lässt, stattet er die Titelfigur Randy "The Ram" aus: Der in die Jahre gekommene Wrestler muss endgültig aufhören, als er einen Herzinfarkt erleidet.

Die Perspektive ist bodennah und dennoch emphatisch: Aronofsky verzichtet auf optische Mätzchen und inszeniert zurückhaltend, ganz auf seinen (Anti-)Star vertrauend. Das Resultat ist eine berührende Hommage an eine schrille Subkultur, in der es fast ausgeschlossen ist, in Würde zu altern. Irgendwann sitzt The Ram in einer Autogrammrunde und blickt auf seine abgehalfterten Kumpels: Einer ist eingeschlafen, beim anderen lehnt die Krücke am Tisch, der Dritte ist inkontinent. Rourke, der in den 80er-Jahren einer der charismatischsten Jungschauspieler war, allmählich absackte und durch missglückte Schönheits-OPs Schlagzeilen machte, ist perfekt für diesen Part: Die Wehmut übers abrupte Ende einer Karriere und den Kampf, an ein bürgerliches Leben anzuschließen, nimmt man ihm in jedem Moment ab.

The Wrestler ist auch ein Film über Zurichtungen am Körper, über die Illusion der Shows und die Arbeit dahinter: Zu den besten Momenten gehören ganz profane - der Besuch eines Sonnenstudios, bei dem The Ram nicht gleich aus seiner Hose herauskommt. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.09.2008)

  • Langsamer Fall eines aufrechten Kämpfers: Mickey Rourke liefert in "The
Wrestler" eine preiswürdige Performance.
    foto: image.net

    Langsamer Fall eines aufrechten Kämpfers: Mickey Rourke liefert in "The Wrestler" eine preiswürdige Performance.

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