Ars Electronica: Unternehmen "leiden unter exzessivem Urheberrecht"

5. September 2008, 13:15
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Symposium zu "A New Cultural Economy" zeigt: Wissensgesellschaft braucht anderen Zugang als "Das gehört mir und du kannst es nicht haben"

 "Das gehört mir und du kannst es nicht haben": Nach diesem Prinzip handeln derzeit u.a. Film- und Musikindustrie, die das illegale Kopieren von Popsongs und Hollywoodfilmen mit Klagen und dem Ruf nach Internetüberwachung beantworten. Doch nach und nach würden auch die "Unternehmen selber beginnen zu verstehen, dass sie unter einem exzessiven Urheberrecht selber leiden". Dies prognostizierte Harvard-Professor Yochai Benkler Freitagvormittag zu Beginn des Ars Electronica-Symposiums, das sich heuer der Suche nach einer neuen wirtschaftlichen Basis für die Kultur in der Wissensgesellschaft macht.

"A New Cultural Economy"

Denn nach Ansicht von Wissenschaftern, Künstlern und auch einem Reverend, die während des Symposiums im Brucknerhaus die Umrisse von "A New Cultural Economy" zeichnen wollen, funktionieren die Methoden, nach denen künstlerische und geistige Produktion bisher entlohnt wurde, und auch die jetzige Form des Urheberrechtes nicht mehr. So habe etwa die von ihren Lesern selbst verfasste Online-Enzyklopädie "Wikipedia" der etablierten und von Experten zusammengestellten "Encyclopedia Britannica" eine schmerzhafte Lektion erteilt: Jene "Autorität, die früher das Wirtschaftsmodell vieler Unternehmen war", entsteht nicht mehr aus dem Besitz von Strukturen, so Benkler. Durch die Verbilligung von Vertriebswegen durch das Internet und durch die Programme, mit denen so gut wie jeder preisgünstig Content erstellen kann, sei die gemeinschaftliche Produktion "von der Peripherie ins Zentrum der Wirtschaft" geraten, sagte Benkler.

Denn zumindest im Kultur- und Medienbereich kann mittlerweile jeder vom passiven Konsumenten zum aktiv Beitragenden werden: Unzählige Song-Videos mit Schlafzimmern als Hintergrund zeugen davon ebenso wie jene Form des Empörungs-Journalismus, der auf vielen Blogs zu finden ist. Der Amateur, der selber aktiv mitgestaltet, ist "die nächste Stufe des Konsumenten", sagte der japanische Internetpionier Joi Ito, der das Symposium kuratiert, am Freitagmorgen bei einer Pressekonferenz. Diese bereits seit einigen Jahren zu beobachtende Tatsache hat sich mittlerweile selbst zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt - auf zwei Seiten: Als aktiver Wirtschaftsfaktor auch abseits des For-Profit-Sektors, etwa im Falle der Wikipedia, die als meistbesuchte Content-Seite weltweit die kommerziellen Plattformen hinter sich gelassen hat.

Bedrohung für die "Vertriebs- und Produktions-Modelle des 20. Jahrhunderts

Aber auch in einem negativeren Sinn: Als Bedrohung für die "Vertriebs- und Produktions-Modelle des 20. Jahrhunderts", wie Benkler sagte. Es habe eine soziale Umwälzung gegeben, die in einem breiten Teil der Konsumenten eine gewisse Distanzierung vom gesetzlichen Urheberrechtsschutz mit sich brachte. Und ebenso eine "Antipolitik" des Webs, wie es der damalige brasilianische Kulturminister Gilberto Gil einmal sagte. "Der gesamte Begriff von Autorität hat sich verändert", so Ito: "Und die Frage ist, was machen wir als nächstes." Die Lösung dazu müssen "wir alle" finden, nicht nur Juristen, Wirtschaftstreibende und Politiker. (APA)

 

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