"Manche glauben, sie sind zu wenig kompetent"

7. September 2008, 10:28
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Expertin Diendorfer erklärt im derStandard.at-Interview, warum es wichtig ist, Jungwähler politisch zu bilden: "Damit sie Populisten nicht allzu sehr auf den Leim gehen"

"Die Jugendlichen müssen motiviert werden, sich mit Politik auseinanderzusetzen", sagt Gertraud Diendorfer, Leiterin des Demokratiezentrums Wien, im Interview mit derStandard.at. Sie begrüßt daher das neue Unterrichtsfach "Politische Bildung" und hält fest, dass "Jugendliche mehr Informationen über Politik haben wollen und mehr politische Bildung einfordern". Dass das Unterreichtsfach für parteipolitische Zwecke missbraucht wird, glaubt Diendorfer nicht, sagte sie im Gespräch mit Rosa Winkler-Hermaden.

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derStandard.at: Bei der Nationalratswahl dürfen erstmals Jugendliche ab 16 wählen. Sind die Jugendlichen angesichts der vorzeitigen Neuwahlen schon bereit dafür?

Diendorfer: Natürlich hat man mit einem größeren Zeitraum gerechnet, der zur Verfügung steht, um auch die notwendigen Begleitmaßnahmen zu setzen, damit die Jugendlichen ihr Wahlrecht auszuüben wissen. Aber im Rahmen der Demokratieinitiative der österreichischen Bundesregierung sind schon zahlreiche Projekte initiiert worden: die Internetplattform www.entscheidend-bist-du.at, die sich direkt an Jugendliche richtet, Maßnahmen zur Stärkung der Politischen Bildung an den Schulen; da ist schon viel auf den Weg gebracht worden. Sicher, wenn die Wahl erst 2010 stattgefunden hätte, hätte man noch länger Zeit gehabt, politische Bildung zu betreiben.

derStandard.at: Sind die Jugendlichen generell positiv gestimmt, dass sie wählen dürfen?

Diendorfer: Es gibt da geteilte Meinung und unterschiedliche Positionen. Die Hälfte der Jugendlichen ist für Wählen mit 16, es gibt aber auch Jugendliche, die eher skeptisch sind. Manche glauben, sie sind zu wenig kompetent. Deshalb braucht es auch Begleitmaßnahmen. Andere sagen, "wir können das, wir wollen das".

Fest steht, dass Jugendliche mehr Informationen über Politik haben wollen und mehr politische Bildung einfordern. Das ist ein Effekt, der durch die Wahlaltersenkung erzielt wurde. Die Jugendlichen sind sensibilisierter für die Politik.

derStandard.at: Was ist bei Jugendlichen das wahlentscheidende? Nach welchen Kriterien gehen Jugendliche, wenn sie sich für eine Partei entscheiden?

Diendorfer: Bei der Landtagswahl 2005 in Wien wurde ausgewertet, dass das Wahlverhalten nicht allzu sehr von dem der Erwachsenen abweicht. Jugendliche wollen sich immer selbst ein Bild über die Parteien machen können.

Um sicher zustellen, dass die Jugendlichen nicht einfach das wählen, was eben auch die Eltern wählen, ist es umso wichtiger, Begleitmaßnahmen zu setzen, damit sie auch den Populisten nicht zu sehr auf den Leim gehen. Sie sollen selber eine Kompetenz entwickeln können, eine eigene Entscheidung treffen zu können.

Jugendliche haben darüber hinaus andere Formen, wie sie sich informieren. Sie suchen stärker Informationen übers Internet. Deswegen gibt es auch Projekte und spezielle Angebote für Jugendliche. Sie orientieren sich auch stark an der Peergruppe, also an anderen Jugendlichen.

derStandard.at: Seit diesem Jahr gibt es das Unterrichtsfach politische Bildung. Sind die Lehrer ausreichend dafür vorbereitet worden?

Diendorfer: Im Rahmen der Demokratieinitiative wurde ein Kompetenzmodell ausgearbeitet, das bereits publiziert wurde und an die Schulen weitergegeben wird. Es sind dazu Unterrichtsbeispiele erarbeit worden und es gibt auch laufend Seminare für Lehrer an den pädagogischen Hochschulen.

Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass alle Lehrer schon diese Seminare absolviert haben, das braucht noch einen längeren Weg, bis sich das durchsetzt. Es müssen weiterhin Maßnahmen gesetzt werden, dass die Lehrer die Seminare in Anspruch nehmen; sie sind ja nicht verpflichtend vorgeschrieben. Der große Knackpunkt wird sein, inwieweit das die Lehrer mittragen.

derStandard.at: Wie kann sichergestellt werden, dass das Unterrichtsfach Politische Bildung nicht für parteipolitische Zwecke missbraucht wird?

Diendorfer: Die Lehrer agieren ja nicht im luftleeren Raum. Dieser Vorwurf, dass parteipolitisch manipuliert wird, ist nicht das große Problem. Vielmehr muss gegen die große Politikverdrossenheit angekämpft werden. Die Jugendlichen müssen motiviert werden, sich mit Politik auseinanderzusetzen. (derStandard.at, 7.9.2008)

  • "Um sicher zustellen, dass die Jugendlichen nicht einfach das wählen,
was eben auch die Eltern wählen, ist es umso wichtiger,
Begleitmaßnahmen zu setzen."
    foto: standard/fischer

    "Um sicher zustellen, dass die Jugendlichen nicht einfach das wählen, was eben auch die Eltern wählen, ist es umso wichtiger, Begleitmaßnahmen zu setzen."

  • Zur Person: Gertraud Diendorfer ist Historikerin, Politische Bildnerin und leitet des Demokratiezentrum Wien.
    foto: privat

    Zur Person: Gertraud Diendorfer ist Historikerin, Politische Bildnerin und leitet des Demokratiezentrum Wien.

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