"Wir haben ja noch nicht verloren"

4. September 2008, 19:43
68 Postings

Die Vorbereitung ist praktisch abgeschlossen, Österreichs Team ist auf den Beginn der WM-Quali gegen Frankreich kon­zen­triert. Karel Brückner blickt dem Samstag gelassen entgegen

Lindabrunn - Es ist nicht so, dass Karel Brückner, kommt er einmal ins Plaudern, gar nicht mehr aufhören möchte. Aber der Teamchef hinterließ am Donnerstag einen sehr soliden, nahezu aufgeweckten Eindruck. Der Tag war freilich noch nicht wirklich alt, als er um 9.30 Uhr zum Gespräch in die Sportschule Lindabrunn geladen hatte. Die von Wien mit dem Auto Angereisten durften also am morgendlichen Reststau auf der Tangente teilhaben.

Die Interpretation, dass Brückner, dem nicht einmal ein gestörtes, sondern gar kein Verhältnis zu Medien nachgesagt wird, diesen Termin als Schikane oder gar Bestrafung gewählt hat, ist unzulässig. Ein Tscheche kann und soll nicht über die österreichischen Straßenzustände informiert sein. An Brückner geht zum Beispiel auch die traditionelle Verstopfung bei Linz-Bindermichl spurlos vor-über - mit Fug und mit Recht. Die WM-Qualifikation, Österreich gegen Frankreich im Fußball, zählt für ihn. Gespielt wird am Samstag im Happel-Stadion (20.30 Uhr). Der Teamchef blickt dem Ereignis gelassen entgegen: "Mein Organismus ist an so eine Arbeit gewöhnt."

Ehrliche Überzeugung


Wie er über die österreichische Journaille denkt, wurde Brückner im Morgengrauen gefragt. Auf diese naive, die Zeit verschwendende Frage war eine der Überzeugung entsprechende Antwort natürlich gänzlich auszuschließen. Motto: "Bin ich wirklich so hässlich?". Ehrliche Antwort "Ja!" Diplomatische Antwort: "Nein, bist eh fesch." Brückner zog sich so, nämlich gekonnt, aus der Affaire: "Die Medien sind angenehm, aber wir haben ja noch nicht verloren. Die österreichischen Journalisten sind nicht anders als die tschechischen. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht."

Es ist schwierig, aus Brückner Informationen rauszukitzeln. Er tappt nicht in zugegebenermaßen unübersehbare Fallen. Will man etwa die Aufstellung wissen (nicht die ganze, nur Teile davon), lächelt er großväterlich milde. "Interne Sache. Die Mannschaft erfährt sie am Spieltag um 17.30 Uhr."

Der Tormann ist quasi ein Privilegierter, er wird bereits am Tag davor informiert. Der Betreuerstab hat seinen Beschluss gefasst. Indizien sprechen eher für Alexander Manninger, der sich beim 2:2 gegen Italien nichts zu Schulden hat kommen lassen. Jürgen Macho erlitt in der Vorbereitung einen Rippenbruch, er sitzt bei AEK Athen auf der Bank. Manninger ist immerhin bei Juventus Reservist.

Es darf vermutet werden, dass Vizeweltmeister Frankreich mit einem 4-1-4-1-System Widerstand geleistet wird. Als Sturmspitze drängt sich Marc Janko auf, Brückner sagte: "Er hat einen Bonus." Man dürfe das mit nur einem Angreifer nicht so eng sehen. "Zähle ich die zweite Reihe dazu, stürmen wir vielleicht mit vier Leuten."

Lange im Geschäft


Er, Brückner, habe in den vergangenen Tagen einen guten Eindruck von der Mannschaft gewonnen. Sowohl bei den technischen als auch bei den taktischen Einheiten. "Jeder weiß, worum es geht. Sie sind ja nicht erst seit zwei Tagen im Geschäft. Ihnen ist klar, mit wem sie es zu tun bekommen. Wir können gegen Frankreich bestehen, wenn wir keinen Fehler machen. Wir müssen hinten gut stehen, viel arbeiten, clever sein."

Wigan-Legionär Paul Scharner beziffert die Chancen mit 50:50, um sie dann "aufgrund der letzten Ergebnisse" auf 40:60 zu reduzieren. Andererseits könne das in Österreich "sensationelle Publikum" die fehlenden Prozentpunkte wettmachen. Die WM-Endrunde 2010 in Südafrika sei, so Scharner, keine Illusion. "Haut sich jeder voll rein, ist alles möglich."

Das Team übersiedelte noch am Donnerstag per Bus von Lindabrunn nach Wien. Gleich nach dem Mittagessen, wohl um dem abendlichen Stau auf der Tangente zu entgehen. Brückner wollte es so. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 5. September 2008)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das sind keine Gesten der Demut vor Teamchef Karel Brückner, sondern im Fußball und in der Sportschule Lindabrunn durchaus übliche Dehnungsübungen. Die Franzosen machen das auch.

Share if you care.