Andere Länder, andere Lebensläufe

4. September 2008, 18:55
9 Postings

Natalie du Toit und Oscar Pistorius aus Südafrika sind zu Stars geworden. Die USA basteln derweil Heldenstorys um Kriegs­versehrte, die nun auf Medaillen losgehen

Peking/Wien - Da gibt es Natalie du Toit und Natalia Partyka. Sie waren schon dort und sind es wieder: in Peking. Die südafrikanische Schwimmerin, beinamputiert, und die polnische Tischtennisspielerin, armamputiert, nahmen im August bereits an den Olympischen Spielen teil, nun bestreiten sie die Paralympics, die am Samstag eröffnet werden. Auch an ihnen und Südafrikas Läufer Oscar Pistorius liegt es, dass die 13. Paralympics so viel Aufmerksamkeit erzielen. Du Toit und Pistorius sind zu Stars des Behindertensports geworden. Role-Models wäre unangebracht und übertrieben, schließlich können die meisten Paralympics-Teilnehmer selbst theoretisch niemals an Olympia teilnehmen.

Jetzt und in Peking geht es um Paralympics-Medaillen. Das Teilnehmerfeld ist beinah halb so groß wie jenes bei Olympia, 4000 Sportlerinnen und Sportler vertreten 161 Nationen. Da gibt es auch die 34 Österreicher und vier Österreicherinnen, für die gestern, Donnerstag, im Paralympischen Dorf die Welcome Ceremony gefeiert wurde. In vielen ihrer Lebensläufe kommen Auto- oder Motorradunfälle vor, nach Discobesuchen, manchmal war eigenes, manchmal war Fremdverschulden die Ursache.

Andere Länder, andere Lebensläufe, andere Unglücksfälle. Im US-Team finden sich mehr als ein Dutzend Irak-Kriegsversehrte. Da gibt es Melissa Stockwell aus Minnesota. Im März 2004 war ihre Einheit von Ft. Hood in Texas nach Bagdad verlegt worden. Am 13. April war sie routinemäßig unterwegs, ihr Humvee fuhr auf eine Mine, bald darauf wurde ihr oberhalb des Knies das linke Bein amputiert. Sie bekam Auszeichnungen (Bronze Star Medal, Purple Heart), begann in der Therapie zu schwimmen, hatte ab 2005 die Paralympics vor Augen. In Peking schwimmt sie 100 m Delfin, 100 und 400 m Kraul (Bestzeit: 5:03,08).

Stockwell (28) lebt in Colorado Springs, wo sie im US-olympischen Trainingszentrum am "Veterans Paralympic Performance Program" (VP3) teilnimmt. Nicht weniger als 400 Kriegsversehrte sind in Programmen des US-Olympia-Komitees untergebracht, nur fünf Prozent haben spitzensportliche Ambitionen, bei den meisten geht es um allgemeine Fitness, Rehabilitation. Stockwell wird derweil als Heldin aufgebaut, eine New Yorker Firma verkauft T-Shirts mit ihrem Bild und Sprüchen, die ihr zugeschrieben werden, wie: "I have done more with one leg than I would have ever done with two" oder "I am glad it was me, not someone else".

Auf veteranstoday.com wird die Größe und Stärke des US-Paralympics-Teams als "bizarres Nebenprodukt des Irakkriegs" beschrieben. Seit Kriegsbeginn im März 2003 haben etwa 600 US-Soldaten im Irak einen Fuß, ein Bein, einen Arm, beide Beine oder beide Arme verloren. Die Amerikaner führen Buch darüber, Melissa ist die Nummer 128. Sie sagt nicht Stumpf, wenn sie über ihr linkes Bein spricht, sie sagt "little leg", und jedes Jahr am 13. April feiert sie ihre "little leg's party".

Der Ticketverkauf für die 13. Paralympics verlief übrigens eher schleppend. Also hat China 350.000 Cheerleader rekrutiert. Sie sollen vor allem die Zuseher zur Akklamation bewegen. Die Sportlerinnen und Sportler bringen ihre Leistung so oder so.
(DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 5. September 2008, Fritz Neumann)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Natalie du Toit aus Südafrika war bei den Olympischen Spielen schon in Peking, jetzt ist sie wieder dort.

Share if you care.