Arme Rentner

23. Februar 2003, 20:43
2 Postings

Die Deckungslücken der Pensionskassen sind - neben der Irak-Krise - die größte Zeitbombe am Kapitalmarkt - Gastkommentar von Michael Margules

Die Börsenbaisse hat tiefe Löcher in die Guthaben der internationalen Pensionskassen gerissen. Zudem werden die Kurseinbussen bei Aktien derzeit nicht (mehr) durch höhere Anleihen-Renditen kompensiert, eine im Bereich des Vermögensaufbaus wenig erbauliche Kombination. Und zu allem Überdruß führt das aktuell tiefe Zinsniveau zu einem niedrigeren Abzinsungsfaktor, der den heutigen Wert der künftigen Verpflichtungen zusätzlich erhöht. Die Löcher in den Pensionskassen müssen - sofern die Unternehmen ihre Verpflichtungen einhalten - früher oder später gestopft werden. Dies belastet nicht nur die künftigen Gewinne, sondern hat direkte Auswirkungen auf den Kapitalmarkt, falls die Kreditqualität der Unternehmen unter Druck gerät. Experten glauben, daß das Thema der Deckungslücken am Kapitalmarkt zunehmend brisant werden kann. Investoren müssen und sollten diesen Aspekt künftig stärker in ihre Anlageentscheide einbeziehen.

Zeitbombe Unterdeckung

Die Folgen der Pensionskassendefizite für die US-Unternehmen sind für die Investoren seit Monaten ein brisantes Thema. Die Buchungsvorschriften in den USA förderten Unterdeckungen rascher zu Tage als in Europa. Anlaß zur Sorge gibt die dreijährige Börsenbaisse, die das Fondsvermögen schrumpfen ließ, denn ein Teil der Vorsorgegelder wurde in Aktien angelegt. So beziffert Credit Suisse First Boston in einer Studie die Unterdeckung der S&P-500-Unternehmen Ende 2002 auf insgesamt 242 Milliarden Dollar. Den europäischen Gesellschaften ergeht es nicht besser: das Brokerhaus Dresdner Kleinwort Wasserstein schätzt das Defizit der 300 größten Unternehmen Europas auf 267 Milliarden Dollar, wovon alleine die Finanzierungslücke für die Unternehmen des britischen Marktindexes FTSE-100 auf 155 Milliarden geschätzt wird. Nach einer Studie von PricewaterhouseCoopers vom vergangenen November waren die britischen Pensionskassen noch immer zu durchschnittlich 69 Prozent in Aktien investiert.

(Aktueller)Wert sinkt – (Aktuelle)Verpflichtung steigt

Zwei Faktoren vergrößern in jedem Fall das Defizit der Pensionskassen. Die Vorsorgegelder wurden teilweise in Aktien angelegt und litten daher unter der Börsenbaisse. Dem sinkenden Fondsvermögen stehen zunehmende Verpflichtungen infolge steigender Lebenserwartung sowie tiefer Zinsen gegenüber. Denn zur Berechnung der PK-Verpflichtungen werden die zukünftigen Forderungen zum Marktzins abdiskontiert. Je tiefer der Zins, desto höher ist der errechnete Gegenwartswert der Verpflichtung. Der Deckungsgrad zeigt das Verhältnis zwischen dem jeweils vorhandenen Vorsorgevermögen und dem notwendigen Deckungskapital, dem Anteil am Vermögen, der bereits verteilt wurde. Wegen der unterschiedlichen Entwicklung dieser Vergleichsgrößen werden mehr oder weniger große Schwankungen des Deckungsgrads erwartet. Zurzeit sind die Vermögen so weit geschrumpft, daß sie vermeintlich nicht mehr ausreichen, alle Verpflichtungen zu decken.

Untersschiedliche Systeme

Ähnlich wie in den USA sind die britischen Unternehmen mit wachsenden Löchern in den Pensionskassen (PK) konfrontiert. Die Investoren erleben zurzeit teilweise böse Überraschungen, denn im Jahresergebnis 2002 müssen die Gesellschaften ihre PK-Vermögen offen legen. In Europa realisieren die Anleger das Problem erst seit kurzem. Unterschiedliche Vorsorgesysteme erschweren die Einschätzung: Jedes Land besitzt ein eigenes System, das erst verstanden werden muß, bevor beantwortet werden kann, ob den Firmen dereinst finanzielle Verpflichtungen entstehen. In der Schweiz sind die Pensionskassenfonds juristisch vom Unternehmen getrennt. Vor allem Schweizer Gesellschaften mit einem hohen Anteil Beschäftigter im Ausland riskieren, daß die Defizite ihren Gewinnausweis belasten. Anders ist es in Deutschland und Österreich. Dort bilden die Firmen Rückstellungen für zukünftige Forderungen und bezahlen die Leistungen aus dem Betriebsergebnis. So bereitet in unseren Breitengeraden auch den Unternehmen weniger die Börsenbaisse Sorgen, sondern vielmehr die steigende Zahl Pensionierter. In Frankreich ist die Unterdeckung von Pensionskassen deshalb kein Thema, weil die Vorsorge nach dem Prinzip des Umlageverfahrens funktioniert.

(Vorangegangene)Anleihen-Hausse + Aktien-Baisse = Mühsame Ausgangsbasis

Es ist absehbar, daß Gewinnreduktionen, Rückstellungen und Rückstufungen des Kreditratings im Zusammenhang mit den immer größer werdenden Defiziten der Pensionskassen noch auf einige Zeit hinaus für Schlagzeilen sorgen werden. Ein bescheidener Börsenaufschwung reicht nicht, um das Problem zu beseitigen, würde das Bild jedoch etwas aufhellen. Ein gleichzeitiger Zinsanstieg würde das aus Vermögen und zukünftiger Verpflichtung errechnete Defizit zusätzlich verringern. Ob allerdings die derzeitige Mischung aus Hoffnung auf bessere Wirtschaftszahlen und damit wahrscheinlich wiederum zumindest leicht steigendem Zinsniveau auch auf den Finanzmärkten und ebenso von den Pensionskassen in die sehnsüchtig erwartete Aufhellung münden wird, darf allerdings insbesondere mit Bedacht auf die Anleihemärkte angezweifelt werden.

Nachlese

--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.