Kanalgeschichte

1. September 2008, 09:15
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E. hatte sich auf ein Abenteuer im Abwasserschacht gefreut - aber dann wurden nicht einmal ihre Gummistiefel nass

Es war vorige Woche. Da wurde E. herb enttäuscht. Und das, obwohl sie eigentlich ohnehin nicht geglaubt hatte, mit einem Feuerwerk aus Action und Spezialeffekten bombardiert zu werden: Das, was die offiziellen Ankünder versprochen hatten, hätte ich schon genügt. Aber als dann nicht enmal ihre Gummistiefel nass wurden, war E. dann dein bisserl sauer. Und beschwerte sich.

Schließlich, meint E., sei es schon ein wenig komisch, wenn man als Bürgerin - samt Familie - quasi dafür bestraft wird, das, was Maturanten seit Jahrzehnten als Mutprobe ohne amtlichen Segen durchziehen, auf legalem Weg erleben zu wollen. Denn seit der Mann, der da einst mit wahren Hundertschaften durch den Wienflusstunnel zog, seinen Gästen/Kunden dabei Fackeln in die Hand drückte und unter dem Naschmarkt dann neben diversen Dritter-Mann-Impressionen, auch Trommler, Jongleure, Verseaufsager und Schwert schwingende Pseudo-Ritter auftreten lies, sein Treiben eingestellt hat, gibt es nur noch zwei Optionen, den Ratten einen Besuch abzustatten: Die amtliche - oder die ganz private.

Lieber legal

Weil E. Familie hat, beschloss sie, das nahe liegende nicht zu tun: Sie stieg nicht bei der Rosa lila Villa über den gerade einmal hüfthohen Zaun mit seinen Otto-Wagner-Logos, kletterte die Nottreppe zum Fluss nicht mit klopfendem Herzen („Wird da jetzt wer die Polizei rufen? Ist das nicht doch irgendwie gefährlich?") hinunter und wanderte dann nicht Taschenlampen schwingend unter der Stadt bis zum Stadtpark, wo sie in aller Ruhe einen der gerade sanierten Notausgänge in den Park nahm. Und weil sie all das nicht tat, konnte sie auch keine jener Abzweigungen in das echte Kanalnetz bewundern, die man im „Dritten Mann" sieht, nicht beinahe in einem Seitenzulauf in den Wienfluss aus einem alten Bach/Kanal ausrutschen und ganz zufällig herausfinden, dass manche Ausgänge zum Naschmarkt manchmal zumindest von unten ohne Schlüssel zu begehen sind.

All das hat E. nicht erlebt. Weil sie sich an die Regeln halten wollte. Nur: Obwohl sie sich ein kleines, geordnetes Abenteuer erhofft hatte, fand auch das nicht statt. Aber lassen wir E. selbst erzählen - und zwar mit den Worten, die sie auch der MA 30 - zuständig für das Kanalwesen und seine Besichtigung - zukommen ließ.

E. schreibt

„Sehr geehrte Damen und Herren! Ich habe am Sonntag gemeinsam mit meiner Familie (5 Personen) endlich die Dritte Mann Kanal-Führung gemacht, die wir uns schon lange vorgenommen haben. Leider wurden wir herb enttäuscht."

„Den Sicherheitshinweisen entsprechend haben wir uns mit Gummistiefeln ausgerüstet und uns auf einen Spaziergang durch das Wiener Kanalsystem vorbereitet. Schließlich wird davor gewarnt, dass an der Tour nur Personen über 12 Jahren, die sich in guter körperlicher Verfassung befinden, daran teilnehmen dürfen; "An der Tour dürfen Personen nicht teilnehmen, die an Krankheiten leiden, welche sie selbst oder andere Personen bei der Begehung in dunklen, rutschigen oder beengten Räumlichkeiten gefährden könnten"...; dass bei der Begehung äußerste Vorsicht walten zu lassen ist, die Wege nicht verlassen werden dürfen (wie sollte man das machen?), und warme Kleidung empfohlen wird (und dann hört man während der Führung, dass es im Kanal wärmer ist, als an der Oberfläche!). Und das muss man auch noch - auf ganz dramatisch - unterschreiben!"

Die Fakten

„Fakt ist, dass man durch einen hell erleuchteten, komfortablen Gang in einen Raum geführt wird, unter dessen Boden ein Abwasserfluss durchrinnt; dort wird ein Film über die Kanalräumer abgespielt und Zeit geschunden; "haben Sie noch Fragen? haben Sie wirklich keine Fragen mehr? möchten Sie nicht noch mehr wissen?..."). Dann geht man den selben Weg zurück zu einem anderen Raum mit einem "Überfall", der wegen Bauarbeiten ausgeschaltet ist und weiter in einen anderen Raum, wieder mit einem Abwasserkanal drunter, in dem Geschichten über das Kanalsystem im Dritten Reich und ein Film über den "Dritten Mann" abgespielt wird. Wieder zieht man die Führung in die Länge "haben Sie noch Fragen? wirklich keine weiteren Fragen? wollen Sie nicht noch mehr wissen?...." Und das wars! Ende der "Führung". Und nicht mal feuchte Gummistiefel bekommen! Eine Besichtigung, die man in 10 Minuten erledigt hätte, gekonnt auf 45 Minuten in die Länge gezogen! Und das für EUR 7 pro Person."

„Absolut das Geld nicht wert und sicherlich nicht zur Weiterempfehlung! Ich werde bestimmt allen meinen Freunden und Gästen davon abraten! Ich kann mich erinnern, dass meine ehemalige Firma als Firmenevent vor einigen Jahren eine Kanalführung gemacht hat; alle waren damals begeistert, mit Fackeln und Taschenlampen durch die Kanäle zu wandern, in kleine Seitenkanäle schauen zu können und viel Spaß gehabt zu haben. Damals ist die ganze Gruppe unterirdisch durch halb Wien marschiert. Leider habe ich mir das auch von dieser Führung erwartet, erlitt aber - wie schon angemerkt - eine herbe Enttäuschung. E."

Fazit

Soweit E.s Brief an die Kanalbehörde. Den Brief, schrieb sie mir, dürfe ich „mit dem größten Vergnügen" veröffentlichen. Der Fairness halber sei allerdings angemerkt, dass er mir ursprünglich vom Veranstalter der Fackeltouren geschickt worden war. Dem hatte man das, was er über Jahre zwar nicht ganz erlaubt, aber eben doch offiziell toleriert abgezogen hat, anlässlich der Wienflusssanierung ja ganz formell verboten. Und auch wenn ich diese Touren immer ziemlich überladen und leicht „bochn" fand: Schlauer als die Methode, Eltern so zu langweilen, dass sie mit ihren Kindern aufs Geratewohl dann selbst in den Kanal klettern, waren die dichtenden Ritter und die tanzenden Grufties noch allemal. (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 1.9.2008)

 

Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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