Als die Afghanen die Gulaschsuppe entdeckten

29. August 2008, 18:49
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In Ungarn wollen immer mehr Asylwerber bleiben - Wer keine Community hat, tut sich schwer

Wien/Budapest - Der Afghane Abdul Qayum Popal hat Jahre gebraucht, um sich an Gulaschsuppe (Fleisch, Kartoffeln, Paprika) zu gewöhnen. In Kabul konnte Popal sein Leibgericht Kabli (Reis, Rosinen, Fleisch) essen, sooft er wollte. Heute muss er Kompromisse schließen, sagt er wehmütig, seine Kinder bevorzugen Gulasch.

Als Popal von Kabul nach Budapest floh, war das alles seine geringste Sorge. Im April 1992, als die Mudschaheddin triumphierend in Kabul einzogen, arbeitete er im afghanischen Handelsministerium.

Lebensgefahr

"Als Beamter war mein Leben in Gefahr", erzählt er, die Familie musste fliehen. Mit seiner Frau und den vier Kindern ging es über Moskau, in die Ukraine und von da nach Ungarn. Budapest kannte Popal von einem Auslandssemester in den 80er-Jahren.

Das Leben als Flüchtling, es war dem einst wohlhabenden afghanischen Bürger so fremd, wie es für die Ungarn neu war, dass Menschen in ihrem Land Schutz suchen. Ungarn hat zwar Erfahrung mit Flüchtlingsströmen. Nur führten diese (etwa 1956) stets aus dem Land.

So hatte Ungarn, als Popal ankam, nicht einmal ein Asylgesetz. "Ich war einer der ersten Afghanen hier", sagt Popal. Die UNO nahm sich der Familie an, erreichte, dass sie bleiben durfte. Popal schlug sich als Jeansverkäufer durch. In der afghanischen Gemeinschaft Ungarns, die inzwischen auf 150 Personen angewachsen ist, half man sich gegenseitig; Popal schaffte den Aufstieg, er arbeitet heute als Dolmetscher, die Familie gehört zum Mittelstand.

Probleme am Arbeitsmarkt

Wer keine Gemeinschaft hinter sich weiß, wie etwa die Somalier, hat dagegen kaum Aufstiegschancen, sagt Lilla Hardi von Cordelia, einer NGO, die sich um Flüchtlinge in Ungarn kümmert. Die Arbeitsplätze sind knapp, und ungarische Arbeitgeber stellen ungern Ausländer an, sagt Hardi. Hinzu kommt, dass Ungarisch nicht leicht zu erlernen ist.

Kein Job, kaum Sprachkenntnisse: Immer mehr Menschen kämpfen in Ungarn mit diesen Problemen. Die ersten Flüchtlinge, die kamen, waren nur Durchreisende in Richtung Westen.

"Seitdem die Einwanderungsgesetze in Westeuropa aber verschärft wurden, wollen immer mehr Migranten hierbleiben", sagt István Ördög von der ungarischen Einwanderungsbehörde. Bis zu 2500 Asylanträge werden inzwischen pro Jahr gestellt. Die meisten von Chinesen und Vietnamesen. Fünf bis zehn Prozent der Anträge werden genehmigt. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2008)

 

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