Auf Bilbao wird gepfiffen

29. August 2008, 16:54
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Freitag wurde im Kärntner Neuhaus das Museum Liaunig eröffnet - "querkraft" statt Schwerkraft lautet das Motto des gleichnamigen Architekturbüros

Begonnen hat alles mit den Briefmarken. Noch keine zehn Jahre alt, hatte der kleine Herbert bereits eine erstaunliche Sammlung vorzuweisen. "Das Sammeln hat mich immer interessiert", blickt der heute 63-jährige Liaunig zurück, "das vergnügliche Verlangen, es zu tun, liegt tief im Menschen verankert." Dass diese Manie nicht notwendigerweise bei jedem durchbricht, meint er, sei allerdings eine Fügung des Schicksals.

Längst vergessen, dass fürs erste Kunstwerk eigens ein Kredit aufgenommen werden musste. Längst vergessen, wie Kisten voller Comic-Hefte gegen flüchtige Skizzen aus musengeküsster Künstlerhand getauscht wurden. 2130 Werke des 20. Jahrhunderts hat der Industrielle bis heute zusammengetragen. Zu jedem einzelnen gibt es eine Geschichte. "Es gibt keinen Künstler in dieser Sammlung, den ich nicht persönlich kenne. Diese Freundschaften und Bekanntschaften prägen die Sammlung."

Und weil Herbert Liaunig mittlerweile mehr Freunde als Comic-Hefte hat, platzte das Depot in seiner Kärntner Residenz, Schloss Neuhaus, irgendwann aus allen Nähten. Ein Museum musste her. Den ersten Wettbewerb 2004 gewann die französische Architektin Odile Decq. Gebaut hat sie nicht. "Diese Frau hat mich zwei Jahre Entwicklung gekostet" , erinnert sich Liaunig, "sie hat die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten, indiskutable Pläne geliefert und dazu die Baukosten überschritten. Desahlb habe ich die Zusammenarbeit damals beendet." Andere Worte aus Paris: "Den Namen des Herrn L. nehme ich in meinem Leben nie wieder in den Mund" , sagt Odile Decq auf Anfrage des Standard, "Kunst zu sammeln und dabei nicht die Kunst der Architektur zu respektieren - das passt für mich nicht zusammen."

Neuer Anlauf, diesmal mit Erfolg. Gestern Abend, Freitag, eröffnete im südkärntner Neuhaus/Suha das Museum Liaunig aus der Feder des Wiener Architekturbüros querkraft. Wie ein Autobahntunnel pfeift das Ding aus dem Hang und zeigt der Schwerkraft die kalte Schulter. Erst gibt es noch ein paar Rippen aus Stahl, dann nur noch nackten Beton. "Wir haben uns einiger Elemente aus dem Industriebau bedient" , sagen die querkräftler, "der Beton ist unverputzt und die gekrümmte Haut rundherum ist 08/15-Standardware vom Stahlbauer." Dass das, nebenbei bemerkt, erstklassig bestückte Museum so roh daherkommt, ist nicht nur juvenile Unverfrorenheit, sondern hat auch finanzielle Gründe. 1500 Euro pro Quadratmeter durfte das Gebäude laut Ausschreibung kosten. Sogar Dietmar Eberle, Juryvorsitzender der zweiten Stunde, meinte damals, um diesen Preis könne man niemals ein Museum bauen.

Keinen Cent mehr

Man kann. Statt zu protzen, wie dies seit Bilbao im internationalen Museumsbau scheinbar Usus ist, überlegte sich querkraft, wie sich auf intelligente Art und Weise Baukosten sparen ließen. "Die billigste Außenwand, die man nach heutigem Stand der Technik produzieren kann, ist eine Kellerwand" , dachten sich die Architekten und buddelten das Museum in die Erde ein. Nur das Dach und die beiden Enden des 160 Meter langen Ausstellungsraumes ragen heraus, der Rest des Gebäudes duckt sich artig in der Landschaft. Kosten wurden durch diese Maßnahme gleich doppelt gespart: Die Einbettung ins Erdreich wirkt sich positiv aufs Raumklima aus und spart Betriebskosten für Heizung und Kühlung. "Auf den ersten Blick hat sich das Grundstück kaum verändert" , sagt Projektleiter Erwin Stättner, "mitten durchs Gelände verläuft eine Röhre aus Beton und Stahl, das war's." Auch Begriffe wie Land-Art habe er in diesem Zusammenhang bereits gehört, aber davon hält er nicht viel: "Wir sind sehr happy mit dem Projekt. Ich denke, das ist Architektur auf den Punkt."

Kein einziges Lämpchen leuchtet in der langen Röhre, der ganze Raum ist mit Tageslicht durchflutet. Opake Schlitze in der Decke sorgen dafür, dass Gemälde und Plastiken von diffusem Licht erleuchtet werden. Fazit: Angenehme Lichtstimmung, keine Schlagschatten, neutrale Atmosphäre - damit wurde die Bauaufgabe mit Bravour erfüllt. Einen geeigneteren Architekturhintergrund für das Schaffen eines Markus Prachensky oder Gunter Damisch gibt es in dieser Größe kein zweites Mal.

Umso ärgerlicher, dass man nie mehr als ein paar Dutzend Werke gleichzeitig zu sehen bekommt. Die 160 Meter Länge sind schneller ausgeschöpft, als einem lieb ist. Ein einsehbares Lager hinter Glas schafft Abhilfe. Je nach Lust und Laune können die dicht gehängten Depotrahmen aus ihrer Parkposition herausgezogen werden, um Besuchern noch einen flüchtigen Blick auf das zu gewähren, was im Normalfall in einem hermetisch abgeschlossenen Speicher tief unter der Erde verschwindet.

"Der Blick ins Schaudepot ist ein Museumserlebnis neuer Art" , sagt Peter Baum, einstiger Gründungsdirektor des Lentos Kunstmuseums in Linz und jetziger Kurator für Liaunig, "das Depot ist nicht nur der wachsende Nukleus des Museums, sondern auch eine visuelle Herausforderung, der man sich neugierig bei jedem Besuch für einige Minuten stellen kann."

Das alles stößt auf vollkommenes Desinteresse von Landeshauptmann Jörg Haider. Aus der ursprünglichen erzielten Einigung, dass sich das Land an den Bau- und Betriebskosten beteiligen werde, wurde nichts. Im Zuge der orangen Übermalung des Landes wurde die Sache wieder abgeblasen, eine der wichtigsten Privatsammlungen Österreichs links liegen gelassen. "Mir soll's recht sein", sagt Liaunig bei der Eröffnung, "jemand, der ohne Kunst leben muss, der versäumt halt viel." (Wojciech Czaja, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008)

Das Museum Liaunig öffnet von Mai bis Oktober. Besichtigungen nur im Rahmen von Führungen. Terminvereinbarung: www.museumliaunig.at

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