Kleiner Grenzverkehr - Franz Schuh

29. August 2008, 16:20
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Die Sprache enthält die Wendung: Grenzen setzen. Ich behaupte, dass der "Setzung" genannte Vorgang, der "die Welt" hervorgebracht hat, auf einem permanenten Prozess der Grenzsetzungen beruht

In Gedanken arbeite ich seit langem an einem Weltbild; es soll "mein Weltbild" werden. Mein Weltbild beginnt mit der Feststellung (methodisch gesehen, mit der Hypothese), dass alles, aber auch schon alles auf Nichts beruht. Jedenfalls gilt für den Anfang, dass nichts substanziell ist, also nichts existiert in dem Sinn, den Gläubige stets betonen: Für sie ist der Sinn immer schon da, "vorausgesetzt" , und muss nur noch entdeckt und hervorgebracht werden, was er - im Glaubenssystem - auch garantiert wird.

Nicht das Geringste ist für mich substanziell, alles ist gesetzt, und der Abgrund, der sich auftut, wenn man die Setzungen durchschaut, ist einer der Gründe, warum Menschen poetisch werden: "Wenn die Irrtümer verbraucht sind / Sitzt als letzter Gesellschafter / Uns das Nichts gegenüber." Dies, aus einem Gedicht von Brecht, ist - logisch nach dem bisher Gesagten - für mich das Höchste, was Lyrik hervorbringt. Aber es ist nicht nötig, dass Lyrik den Abgrund, auf dem sie und ihre Schönheit gründet, auch thematisiert; er ist implizit immer am Wort.

Auch die Naturgesetze sind erst welche, wenn der menschliche Verstand sie aufstellt und außerdem eine "Kommunikation" über sie einleitet, die in ihrer ausgefeilten Form "Naturwissenschaft" heißt. Sonst, als nicht erkannte, wirken die Naturkräfte blind. Dass nun in meinem Weltbild alles Setzung ist, heißt keinesfalls, dass die erfahrbare Welt einen Haufen von Beliebigkeiten darstellt. Die Setzungen der vorangegangenen Generationen - Brechts Gedicht heißt Der Nachgeborene - bilden einen Rahmen, "die Geschichte" , und sie ist uns vorausgesetzt. Das Dasein eines jeden, wie vergänglich auch immer, gleichgültig, ob "bedeutend" oder nicht, hat die jeweilige Gegenwart bestimmt, und zwar so sehr, dass diese Bestimmung auch die Zukunft mit ausmacht. Zur Geschichtswissenschaft gehört nicht nur die Erforschung der Großen, sondern eben auch die Alltagsgeschichte, die indirekt und ohne Sentimentalität beweist, dass das Leben keines Menschen eine Quantité négligeable ist.

Ich will darauf hinaus, dass die Setzungen, wenn sie auf nichts als auf Zufälle bauen, in Notwendigkeiten kippen. Die Wirklichkeit besteht aus allem, was sich durchgesetzt hat. Ich glaube ja an eine "objektive" Wirklichkeit, aber das, was wir dafür halten müssen, kommt in einem komplexen Verhältnis von Theorie und Praxis, von Erfahrung und Eroberung (oder Unterwerfung), von Anerkennung und Abwehr zustande. Die "objektive Wirklichkeit" ist härter als unsere Eigenmächtigkeit, die Menschen haben ihre eigenen Setzungen nicht in der Hand, als Notwendigkeiten sind sie uns über die Köpfe gewachsen. Wir werden nur teilweise mit der Wirklichkeit fertig. Glück hat der, der ausgerechnet mit dem für ihn wichtigen (als Minimalprogramm: für ihn lebenswichtigen) Teil fertig wird.

Begrenzung ist Verneinung

Die Sprache enthält die Wendung: Grenzen setzen. Ich behaupte, dass der "Setzung" genannte Vorgang, der "die Welt" hervorgebracht hat, die wir als solche kennen, auf einem permanenten Prozess der Grenzsetzungen beruht. Der Prozess muss eines Tages, als es die Zeitrechnung mit Tagen oder Wochen noch gar nicht gab, in Gang gekommen sein. Ich stelle mir vor, dass Menschen in ihrem angestammten Raum, der niemals ein Paradies war, aber vielleicht ein offenes Feld und später eine Höhle, allenthalben an ihre Grenzen stießen. Diese Grenzen kann man unter dem Titel "objektive Wirklichkeit" zusammenfassen; ein problematischer Titel, weil ja die Subjekte ihrerseits auch zur "objektiven Wirklichkeit" gehören und die Grenze von Subjekt und Objekt es nicht wirklich gewesen sein kann. Aber es ist nicht meine einzige problematische Annahme.
Man müsste die Wissenschaft außerdem zu dem Problem fragen, das ich an dieser Stelle auch sehe: Kommt die Grenze aus der Erfahrung und kam es über Erfahrungen - durch Abstraktion - zu den komplizierten Grenzbegriffen zum Beispiel der Mathematik, die keinen Erfahrungsgehalt zu haben scheinen? Oder hat der Mensch von Natur aus "die Grenze" im Kopf, als angeborene Denkweise, die erfahrungsunabhängig garantiert, dass wir überhaupt Grenzen erfahren können? Und wie wäre eventuell eine Synthese zu denken, die die beiden Positionen verbindet?

Ich stelle mir den Zivilisationsprozess so vor, dass er nicht zuletzt nach dem Grundsatz "omnis determinatio est negatio" abläuft: Alle Bestimmung ist eine Negation, jede Begrenzung ist eine Verneinung. Dieses logische Maschinchen werkelt einmal mehr im Hintergrund, einmal mehr im Vordergrund, wenn der Mensch seine Welt hervorbringt. Dieses Hervorbringen heißt ja: Unterschiede hervorbringen und alles, was so hervorgebracht wird, existiert dadurch, dass es mit sich selbst gleich und nicht etwas anderes ist. Es grenzt sich, wenn es Bestand haben will, von dem anderen ab. Und irgendwann einmal, besser: allmählich, ist die Hochkultur entstanden, in der - auf schwindelnder Höhe - der Satz fällt: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."
Wie kann man, wenn der Satz stimmt, so etwas behaupten? Stimmt der Satz nämlich, dann ist er bereits die Art von Grenzüberschreitung, die der Satz untersagt. Woher soll man denn, auf seine Sprache beschränkt, wissen, dass sie eine Grenze zur Welt bildet? Vielleicht liegt es am Begriff der Grenze, der auf strenge Art nicht streng ist: Alles Bestimmte, alles Seiende ist Grenze - und damit schon über sich selbst hinaus. Streng genommen hat eine Grenze zwei Seiten; die Trennlinie enthält sowohl die eine als auch die andere Seite. Sie ist zugleich Trennung und Übergang. Das spüren an Leib und Seele die Flüchtlinge. Wenn man sie nicht "rüberlässt" , nicht über die Grenze, die mit willkürlicher historischer Notwendigkeit durch die Geografie gezogen ist, dann wird in ihrer Seele der Übergang unbewältigbar. Die Grenze geht durch sie hindurch.

Mit der Grenze ist das Bedürfnis und oft die Notwendigkeit, sie zu überschreiten, da. Wer zum Beispiel sagt, dass die Grenzen seiner Sprache die Grenzen seiner Welt seien, wird das Sagbare vom Nichtsagbaren unterscheiden, und er wird auf der Grundlage des von ihm bisher Gesagten hinüberschielen, dorthin, worüber sich nichts mehr sagen lässt, aber - wer weiß - vielleicht zeigt sich was von drüben. Da der Begriff der Grenze sich existenziell aufladen lässt, zu Grenzerfahrungen, ist "die Überschreitung" schnell ein pathetischer Begriff. Ich bejahe das Pathos, auch weil meine höchstpersönliche Grenzerfahrung die absolute Grenze des Individuums betrifft, nämlich die von Leben oder Tod: Im Alter von zehn Jahren habe ich im Schwimmbad von Rabenstein an der Pielach um mein Leben gekämpft; ich wäre fast ertrunken.

Ich glaube, dass Welthaben aus dem Grenzensetzen resultiert. Das heißt aber nicht, dass die relativ simple Dialektik von "omnis determinatio est negatio" ausreicht, um die Welt zu beschreiben; es gibt kompliziertere Beschreibungsmethoden, zum Beispiel kybernetische. Aber auch diese Methoden enthalten die einfache Dialektik der Grenze, und sei es dadurch, dass sie deren Überwindung darstellen und fordern.

Aber viel wichtiger ist die pragmatische Einsicht, dass Menschen sich nicht logisch verhalten. In der Praxis ist die Welt ja nicht hervorgebracht worden, weil die Menschheit logische Gesetze realisierte, und schon gar nicht, weil sie sich an Grenzen hielt. Nur Fanatiker klagen prinzipiell die Grenzen ein und behandeln die Menschen nach einem Entweder-oder. Es hilft aber nichts: Wegen "der Endlichkeit" , der Befangenheit in Grenzen gibt es auch Schranken, deren Übertretung die Menschen einander nicht erlauben dürfen. Das unterscheidet "die Geschichte" vom Paradies, in dem die Menschen - vor dem Sündenfall - ohnedies nur Gutes tun, und zwar automatisch. Sie haben sich, so der Mythos, durch den Sündenfall die Grenzen selbst gesetzt, in denen sie, zwischen Gut und Böse hin und hertaumelnd, Grauzonen hinterlassend, Geschichte machen und erleiden.

In der Endlichkeit, der Gebundenheit an Grenzen, liegt nicht zuletzt der politische Konfliktstoff. Staaten dehnen sich aus, über ihre Grenzen hinaus, auf Kosten der Grenzen anderer. Überhaupt stehen die Menschen einander im Wege, nicht nur räumlich, sondern vor allem in ihrem Begehren: Ich will, was du nicht willst. So lernt man die eigenen Grenzen kennen, aber auch die der anderen. Menschliches Verhalten ist oft genug paradox, und weil man wenigstens eine Ahnung davon hat, was vernünftig wäre, kann man auch die Pathologien des Verhaltens (z.B. als "double binds" ) beschreiben, als Strategien, in denen Unvermögen und (unbewusster) Machtanspruch, also die eigenen Grenzen über die eines anderen triumphieren. Paradoxien sind Grenzverwischungen, Widersprüche, die aggressiv werden, wenn man ihre Duldung anderen abverlangt. Und doch gehört es zum geglückten Leben, gegen das Einschneidende der Grenzen Widersprüche auszuhalten. Grenzen mögen schmerzen, einschnüren, aber sie beschützen auch, und dennoch, die Utopie von der Grenzenlosigkeit ist trotz aller Gefahren, die wir aus der Erfahrung kennen, nicht loszukriegen. (Franz Schuh, ALBUM/DER STANDARD, 30./31.08.2008)

Zur Person:
Franz Schuh, geboren 1947 in Wien, ist österreichischer Schriftsteller und Essayist. Bereits 1986 bekam er den Österr. Staatspreis für Kultur-publizistik verliehen. Von ihm erschienen zahlreiche Bücher, zuletzt "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" (2006) und "Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst" (2008) - beide im Zsolnay Verlag.

  • Franz Schuh: "Ich bejahe das Pathos, auch weil meine höchstpersönliche
Grenzerfahrung die absolute Grenze des Individuums betrifft, nämlich
die von Leben oder Tod: Im Alter von zehn Jahren habe ich im Schwimmbad
von Rabenstein an der Pielach um mein Leben gekämpft; ich wäre fast
ertrunken."
    foto: heribert corn

    Franz Schuh: "Ich bejahe das Pathos, auch weil meine höchstpersönliche Grenzerfahrung die absolute Grenze des Individuums betrifft, nämlich die von Leben oder Tod: Im Alter von zehn Jahren habe ich im Schwimmbad von Rabenstein an der Pielach um mein Leben gekämpft; ich wäre fast ertrunken."

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