"Söhne des Irak" bereiten Maliki Kopfzerbrechen

29. August 2008, 17:41
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USA übergeben Provinz Anbar an irakische Sicherheitskräfte – Bagdad geht gegen sunnitische Milizionäre vor

Bagdad/Wien - Montag soll also der große Tag sein, an dem das westirakische Anbar von der US-Armee den irakischen Sicherheitskräften übergeben wird. Die von arabischen Sunniten bewohnte größte irakische Provinz war bis vor eineinhalb Jahren teilweise unter Kontrolle von sunnitischen Aufständischen und Al-Kaida.
Der Umschwung kam mithilfe des "surge" - der US-Truppenaufstockung 2007. Heute ist die US-Stärke auf 25.000 Mann (37.000 im Februar) geschrumpft. Gleichzeitig ist die Zahl der irakischen Sicherheitskräfte (Polizisten) in der Provinz auf 28.000 gewachsen - eine sehr hohe Rate von Polizisten pro Einwohner.

Ende Juni war eine geplante Übergabe in letzter Minute abgesagt worden, diesmal wird sie jedoch eher stattfinden: Die US-Armee versucht Reserven für Afghanistan, wo sich die Sicherheitssituation dramatisch verschlechtert hat, freizumachen.

Auf dem Territorium von Anbar liegen Teile des "sunnitischen Dreiecks" , nach 2003 "Todesdreieck" genannt, wo sunnitisch-islamistische Extremisten sich den Aufstand von sunnitischen Stämmen zunutze machten, um Fuß zu fassen. Ab Mitte 2006 wandten sich jedoch zuerst einzelne Stammesführer von Al-Kaida ab - zur Unzufriedenheit über die Gewaltexzesse kamen ökonomische Interessen und Angst von Machtverlust - und wechselten die Seite: Sie gründeten "Erweckungsräte" (Sahwat) und bekämpften Al-Kaida an der Seite der US-Armee, wobei ihre Kämpfer von den USA bezahlt wurden (rund 300 US-Dollar pro Monat). Diese sunnitischen Stammesmilizen wurden in Anbar großteils nach und nach in die regulären Polizeikräfte aufgenommen. Sie gelten heute als integriert.

Trotz des Erfolgs in Anbar zeigt sich gerade in den vergangenen Wochen die Problematik der aus der Verzweiflung von 2006 geborenen US-Strategie. Anbar hat eine homogene sunnitische Bevölkerung, die einigen wenigen Stämmen angehört. Das Sahwa-Phänomen blieb jedoch nicht auf Anbar beschränkt, was ja an sich eine gute Nachricht wäre. Es ist jedoch schwer kontrollierbar.

Sind die USA heute stolz auf die Zahl von über 100.000 von ihnen bezahlten "Söhne des Irak" (SOI), wie die Nachbarschaftsmilizen heute genannt werden, so sieht die schiitisch geführte Regierung wohl zu Recht ihr (nie etabliertes) Gewaltmonopol nun von einer neuen Seite bedroht. Aber auch Verschwörungstheorien, dass die USA die Sunniten wieder als Herrscher etablieren und die Schiiten entmachten wollen, boomen. Die Kurden hingegen sehen mit Sorge neue arabische Milizen an ihrer - zwischen Arabern und Kurden umstrittenen - Südgrenze.

Wahr ist, dass sich unter den SOI Kriminelle und ehemalige Aufständische tummeln, die keinerlei Loyalität der irakischen Regierung gegenüber haben und sofort wieder die Seiten wechseln würden, wenn der Geldfluss versiegt. Weil die irakische Regierung aber eine Unterwanderung der Sicherheitskräfte befürchtet - und auch weil deren Absorptionsgrenze beschränkt ist -, übernahm sie nur wenige sunnitische SOI außerhalb von Anbar in Armee und Polizei. So bleiben diese unversorgt. Die USA werfen Premier Nuri al-Maliki vor, er wolle das schiitische Monopol in den Sicherheitskräften sichern. Dass zuletzt die irakische Regierung außerdem einige SOI-Führer verhaften ließ, angeblich Aufständische, die Bluttaten verübt haben, wird von den USA mit Sorge gesehen.

Wenn die SOI sich wieder gegen Bagdad wenden, wird die verbesserte Sicherheitssituation schnell kippen. Dazu kommt, dass auch das Tauwetter zwischen dem Irak und seinen sunnitischen arabischen Nachbarn stark an die sunnitische Integration gebunden ist.

Malikis neue "Hybris" wird von US-Thinktankern scharf kritisiert, das schließt auch sein Beharren auf eine Zusage eines kompletten US-Abzugs nach einer Stabilisierung des Irak mit ein. Der Premier hat die Verhandlungen über ein Abkommen mit den USA jetzt dem (kurdisch geführten) Außenministerium weggenommen und seinem (schiitischen) nationalen Sicherheitsberater übertragen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2008)

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