"Als Warhol kam, war es mit der Ruhe vorbei"

15. September 2008, 17:06
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Wie die Entdeckung der familiären Bande zu Pop-Art-Ikone Andy Warhol dem beschaulichen Leben hinter den Bergen im nordöstlichen Zipfel der Slowakei ein Ende setzte - Reise an den Rand des Nirgendwo - Eine derStandard.at-Reportage

Rund zehn Stunden dauert die Autofahrt von Wien in den nordöstlichsten Zipfel der Slowakei. Der Tourismus ist hier - nahe der polnischen und ukrainischen Grenze - erst am Anfang. Ein Hotel und eine Handvoll Pensionen nehmen die Gäste in der 6.500 Einwohner zählenden Bezirkshauptstadt auf. Ein paar Wirtshäuser bieten ihre Dienste an. Die Gäste kommen in der Regel von weither. Doch nicht die schöne Landschaft ist es, die sie anlockt, nicht der sanft geschwungenen Hügel wegen nehmen die Besucher die Fahrt auf den schmalen kurvigen Straßen auf sich. Der Großteil kommt wegen des Museums, das unübersehbar an der Stadteinfahrt thront: Ein riesiger Betonklotz mit bunt gefärbter Fassade, der unverkennbar die kommunistische Handschrift trägt.

Gewidmet ist der Bau niemand geringerem als der Pop-Ikone Andy Warhol. Der Mann, der Massenprodukte wie Campbell Suppendosen und Coca Cola Flaschen auf das Podest der Kunst hob und damit berühmt wurde, hat seine familiären Wurzeln in dieser abgeschiedenen Region. Im Nachbardörfchen Mikova wurden seine Eltern - arme Bauern und Angehörige der ruthenischen Minderheit - geboren. Andrej Varchola, wie der jüngste Spross der Familie vor der Amerikanisierung seines Namens hieß, war übrigens nie hier: "Ich komme von nirgendwo" pflegte er zu sagen.

Aus dem Familienalbum

Der Ehrfurcht gegenüber dem Popidol tut das für manche in Medzilaborce keinen Abbruch. Hier ist man stolz auf alles, was man hat. Miroslav Sirik führt die Besucher durch weitläufige Gänge und große Räume. Aus dem Archiv holt er eine der legendären weißblond gefärbten Perücken. Andy Warhols Bruder John persönlich habe die Haartracht, die der Künstler selbst zu färben pflegte, dem Museum überlassen, berichtet er sichtlich stolz. Warhol habe viele von ihnen besessen, erzählt der junge Mann. Rund 60 an der Zahl hat man nach seinem Tod gefunden.

Neben der Perücke zieren noch andere persönliche Stücke die Ausstellung: Warhols Brille, sein Walkman, der erste Fotoapparat, ein Sakko, ein paar vergilbte Fotos aus dem Familienalbum, ein buntes Tuch von Warhols Mutter Julia. Miroslav Sirik kennt all die Reliquien und ihre Geschichten in- und auswendig. Die Habseligkeiten sind schon vor Jahren aus dem Besitz von Andys Bruder John in das Eigentum des Familie-Warhol-Museums für Moderne Kunst übergegangen. Dass der monumentale Kasten an der Einfahrt zur Stadt einst von der kommunistischen Partei als Kulturstätte für die Bevölkerung vorgesehen war, ist heute fast vergessen. An die Eröffnung 1991 erinnert man sich hier allerdings noch genau, war sie doch aus mehreren Gründen legendär, erzählt Stadtamtsdirektor Vladislav Visnovsky. Ein Besucher habe sich damals die Perücke übergestülpt, Warhols Kleidung übergestreift und alle Anwesenden solcherart verkleidet mehr als verwirrt, schmunzelt Visnovsky. Heute kann man über solche Anekdoten lachen, seinerzeit kam die Eröffnung einem kleinen Erdbeben gleich.

Eine bedeutende Angelegenheit

Aus dem fernen Prag reiste damals ein Sonderzug mit 600 Gästen an. Gekleidet wie Warhol, geschmückt mit Perücken und anderen schrillen Accessoires. Eine wirklich bedeutende Angelegenheit sagt Visnovsky. Er referiert im Stadtamt über die Bedeutung einer Einrichtung wie dieser für eine abgelegene Region. Dass die Menschen 1991 maßlos enttäuscht waren, weil ihr Kulturhaus plötzlich mit komischer Kunst befüllt wurde, hat er fast schon vergessen.

Als das Museum eröffnet wurde, hätten sich die Leute gefragt, warum dieser Kunst so viel Platz gewidmet würde, denkt Vladimír Protivnak zurück. Er ist wie viele hier mit Andy Warhol über einige Ecken verwandt. Man wollte in dem Kulturhaus tanzen und sich amüsieren und stattdessen wurden diese seltsamen Bilder ausgestellt, verteidigt er die mangelnde Begeisterung seiner Mitbürger. Manche Bilder hätten den Menschen allerdings schon gefallen. Die bunten Fotografien zum Beispiel. Protivnak erinnert sich auch noch gut daran, wie man vor über 40 Jahren begann, die familiären Bande des Pop-Art-Künstlers zu seiner Heimat aufzuspüren. In den 70er Jahren, als er seine Verwandtschaft in Pittsburgh besuchen wollte, erklärte man ihm, es gäbe da so einen Maler. Warhol sei sein Name. Viele waren der Überzeugung, der Sohn der ausgewanderten Verwandten male Fassaden an.

Familienbeziehungen im Mittelpunkt

Das Warhol Museum ist das einzige seiner Art in Europa. Anders als in seinem Pendant in Pittsburgh, der mutmaßlichen Geburtsstadt des Exzentrikers, liegt hier das Augenmerk weniger auf Warhols Kunst, denn auf den Familienbeziehungen. Das Kleidchen, indem die drei Wahrhol-Brüder getauft wurden, habe wohl schon 100 Jahre auf dem Buckel, führt Miroslav Sirik im Museum seine Ausführungen fort. Daneben ein Foto der Familie, handkoloriert von Andys Mutter. Unbedingt ein Beweis dafür, dass das künstlerische Talent durchaus in der Familie gelegen habe. Von Warhols engen Verbindung zur Mutter weiß der Museumsführer zu berichten.

Wer hierher kommt, erfährt außerdem, dass Andys Bruder Paul, mit dem Geflügel seiner Hühnerfarm die gesamte Familie unterstützte, begutachtet Fotos von Bruder John, der durch seine Leih- und Geschenkgaben das Museum erst ermöglichte. Andrej Varhola hat nie viel Aufhebens von der Heimat seiner Eltern gemacht. Hat der Konsumchronist, dessen Künstleratelier "Factory" als das Epizentrum der New Yorker Popkultur galt, so viel Ehre überhaupt verdient? Diese Frage könne man so oder so beantworten, wiegt Valika Madarova nachdenklich den Kopf. Die Direktorin des Warhol-Museums ist allerdings davon überzeugt, dass Warhol letztendlich doch seine Wiege gefunden habe. "Vor allem durch seine Mutter", sagt sie, "durch ihre Berichte aus der Heimat."

Nachhaltige Familienbande

Die briefliche Verbindung zwischen Andy Warhols Mutter und den zurückgebliebenen Verwandten sei nie abgerissen, verweist Vladimír Protivnak auf nachhaltige Bande. Die Briefe hängen heute im Museum. Erst als Warhols Mutter starb, war es mit der transatlantischen Kommunikation vorbei. Die Söhne Paul, John und Andy konnten zwar die Sprache ihrer Eltern sprechen, nicht aber schreiben. Auch für Kurator Michael Bicko ist Andy Warhols enge Verbindung zur Heimat seiner Eltern nicht anzuzweifeln. Schon in kommunistischen Zeiten habe er hier für ein Warhol Museum geworben, denkt der ehemalige Kunstprofessor zurück. Die Kommunisten waren allerdings von der Idee, einem Kapitalisten ein Denkmal zu setzen, naturgemäß wenig begeistert. Die ersten Bilder kamen somit auf illegalem Weg von Pittsburgh in die Slowakei.

Der offiziell vorgetragenen Idee, mit seiner Bildersammlung eine Ausstellung zu gestalten, folgte für Bicko eine Einladung zum Verhör. Sein Ansinnen, gab man dem leidenschaftlichen Warhol-Verehrer zu verstehen, sei als Spionage zu werten. Die Vorsprachen bei den Behörden entbehrten auch nicht so mancher Skurrilität. Mitglieder der kommunistischen Partei hätten ihn gefragt, ob er den Bescheid wisse über die CIA. Ja, antwortete dieser im guten Glauben, die Rede sei von der Rockgruppe AC/DC. Die würden ihm ganz gut gefallen. Heute kann Bicko darüber herzlich lachen, damals hatte ihm diese Auskunft viele unangenehme Fragen beschert.

Als Warhol kam, war es mit der Ruhe vorbei

"Hier hinter den Bergen im Osten, weit weg von der Hauptstadt haben wir immer recht frei gelebt", sagt Michael Bicko: "Als Warhol kam, war es mit der Ruhe vorbei." Zu den Originalwerken, die den Weg in das Museum fanden, gehören unter anderem ausgerechnet der "Rote Lenin" und "Hammer und Sichel". Ganz gewöhnliche Geräte für Arbeiter und Landwirte, daneben aber auch Status- und Machtsymbole, erklärt Miroslav Sirik in der Ausstellung. Für die Museumsgründung waren - wenn auch in wundersamer Weise - gerade diese beiden Bilder hilfreich.

Damals, bei dem Verhör, habe man ihm Vorwürfe gemacht, erinnert sich Michael Bicko: "Was soll das, er ist Kapitalist und wir wollen hier so etwas nicht haben", habe man ihm bedeutet. Da habe er den Behörden ausgewählte Bilder von Warhol gezeigt. Mao Zedong zum Beispiel, Lenin und Hammer und Sichel, schienen ihm geeignet um zu illustrieren, dass Warhol doch auch Kommunist gewesen sei. "Schauen Sie", leistete er Überzeugungsarbeit "der hat doch auch solche Bilder gemalt." Und das Argument hat gewirkt. "Ja", hieß es damals, "er war einer von uns." (Regina Bruckner, derStandard.at, 15.9.2008)

  • Das Warhol Museum ist das einzige seiner Art in Europa. Anders als in
seinem Pendant in Pittsburgh, der mutmaßlichen Geburtsstadt des
Exzentrikers, liegt hier das Augenmerk weniger auf Warhols Kunst, denn
auf den Familienbeziehungen.
    foto: bruckner

    Das Warhol Museum ist das einzige seiner Art in Europa. Anders als in seinem Pendant in Pittsburgh, der mutmaßlichen Geburtsstadt des Exzentrikers, liegt hier das Augenmerk weniger auf Warhols Kunst, denn auf den Familienbeziehungen.

  • Vladimir Protivnak erinnert sich noch gut daran, wie man vor über 40
Jahren begann, die familiären Bande des Pop-Art-Künstlers zu seiner
Heimat aufzuspüren. In den 70er Jahren, als er seine Verwandtschaft in
Pittsburgh besuchen wollte, erklärte man ihm, es gäbe da so einen
Maler. Warhol sei sein Name. Viele waren der Überzeugung, der Sohn der
ausgewanderten Verwandten male Fassaden an.
    derstandard.at/bruckner

    Vladimir Protivnak erinnert sich noch gut daran, wie man vor über 40 Jahren begann, die familiären Bande des Pop-Art-Künstlers zu seiner Heimat aufzuspüren. In den 70er Jahren, als er seine Verwandtschaft in Pittsburgh besuchen wollte, erklärte man ihm, es gäbe da so einen Maler. Warhol sei sein Name. Viele waren der Überzeugung, der Sohn der ausgewanderten Verwandten male Fassaden an.

  • "Spionage" orteten die örtlichen Behörden, als vor dem Systemwechsel in den 80er-Jahren der Wunsch vorgetragen wurde, dem Künstler ein Museum zu widmen. In der Slowakei wollte man den "Kapitalisten" ganz und gar nicht haben. Heute gibt es das Museum aber doch.
    derstandard.at/bruckner

    "Spionage" orteten die örtlichen Behörden, als vor dem Systemwechsel in den 80er-Jahren der Wunsch vorgetragen wurde, dem Künstler ein Museum zu widmen. In der Slowakei wollte man den "Kapitalisten" ganz und gar nicht haben. Heute gibt es das Museum aber doch.

  • Ursprünglich sollte der sozialistische Bau der Erbauung der Bevölkerung dienen.  Tanzen und amüsieren wollte man sich hier - dann kam aber alles ganz anders.
    derstandard.at/bruckner

    Ursprünglich sollte der sozialistische Bau der Erbauung der Bevölkerung dienen.  Tanzen und amüsieren wollte man sich hier - dann kam aber alles ganz anders.

  • "Hier hinter den Bergen nahm keiner Notiz von uns, zumindest, was die
Kunst betrifft" sagt Michael Bicko. Der ehemalige Kunstprofessor und
Musiker begann die familiären Bande von Pop-Art-Künstler Andy Warhol zu
seiner - heute slowakischen - Heimat aufzuspüren.
    derstandard.at/bruckner

    "Hier hinter den Bergen nahm keiner Notiz von uns, zumindest, was die Kunst betrifft" sagt Michael Bicko. Der ehemalige Kunstprofessor und Musiker begann die familiären Bande von Pop-Art-Künstler Andy Warhol zu seiner - heute slowakischen - Heimat aufzuspüren.

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