Die gelähmte Schmollrepublik

21. Februar 2003, 17:51
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Das "neue Österreich" aus Brüsseler Perspektive - Ein Kommentar der anderen von Hans-Peter Martin

Warum ignoriert uns Brüssel so hartnäckig - weil man die Österreich nicht mag?", fragt der Reporter. Jede realitätsnahe Antwort ist sinnlos. Dass es in der EU um Interessen und Lobbying geht, dass rechtzeitig vorgebrachte Argumente, Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick zählen, dass auch kleine Staaten wie Luxemburg mit Professionalität Maximales erreichen - egal. Wenige Tage später stellt derselbe Reporter die gleiche Frage: "Mag man uns in Brüssel nicht?"

Temelín oder Transit: "Alle gegen Österreich", steht unter der Karikatur in einem österreichischen Kleinformat, fünf übermächtige EU-Lkw umzingeln da einen bescheidenen Österreich-Pkw, darin kauert ein unschuldiges Männchen mit Hut.

Wie bequem verlogen ist so eine Weltwahrnehmung. Und sah sich Habsburgs Wien nicht genauso von Tschechen oder Ungarn im Stich gelassen wie heute die Schüssel-Republik? Trotzig zieht man sich zurück, statt Fehler zu analysieren oder gar kämpferisch zu arbeiten.

Klar, seit Königgrätz 1866 sind wir die Armen, schon damals verloren wir trotz tapfererer Truppen, so die Mär von Böhmen-Mähren. Doch in Wirklichkeit liegt es an unserer politischen und intellektuellen Klasse, dass wir kaum noch eine Rolle spielen.

Welch anderes Land leistet sich so einen antiquierten Verwaltungsapparat, wer sonst, wenn nicht er und seine Helfershelfer denunzieren jede noch so berechtigte Kritik reflexartig als Netzbeschmutzung und verhindern damit Erkenntnis und Veränderung? Und welcher grüne, rote und jetzt blaue Verhandler dachte zuletzt im Kanzleramt zuerst an ein globalisierungstaugliches Österreich und dann erst an sich und seine Partei?

Im neuen Zeitalter zählen aber effiziente Netzwerke und Selbstständigkeit, kein lieber Raab, kein verzopfter Klaus und auch kein Märchenonkel Kreisky. Doch Unabhängigkeit ist hierzulande sogar denen ein Fremdwort, die es ständig im Munde führen.

Lang lebe die gelähmte Schmollrepublik. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.2.2003)

Hans-Peter Martin ist parteifreies Mitglied des Europäischen Parlaments
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