Mit dem Qi ab durch die Mitte

23. August 2008, 17:00
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Mit der chinesischen Wissenschaft von Wind und Wasser wird allerlei Schabernack getrieben. Nicht überall, wo Feng-Shui draufsteht, ist auch Feng-Shui drin

"Das Vorzimmer sollte vorzugsweise achteckig sein, im Schlafzimmers sollte das Bett niemals mit dem Kopfteil zur Tür stehen, und sollten Sie das Gefühl haben, dass Ihr Partner fremdgeht, so ist dies am besten an der Beziehungsecke draußen auf der Terrasse zu erkennen", schreibt eine Feng-Shui-Beraterin auf ihrer Homepage.

Die vielen banalen Tipps aus dem Internet haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die chinesische Wissenschaft von Wind und Wasser, wie die wörtliche Übersetzung von Feng-Shui lautet, heute von vielen belächelt wird. "Was die Österreicher unter Feng-Shui verstehen, ist mitunter schlimm", sagt Manfred Kainz, professioneller Feng-Shui-Berater, "jeder, der einmal ein Buch darüber gelesen hat, nennt sich bereits Berater und bietet seine Dienste ahnungslosen Kunden an."

"Keine Hexerei"

Irgendwo einen Kristall an die Decke zu hängen und das Bett um fünf Zentimeter zu verschieben - damit sei es nicht getan. "Feng-Shui lässt sich größtenteils physikalisch erklären und ist daher beileibe keine Hexerei. Dennoch: Auf ein paar Tipps aus dem Internet kann man das nicht reduzieren."

Kainz, der Kunden vom Wohnungsmieter bis hin zum Bauträger berät, empfiehlt, einen etwaigen Feng-Shui-Berater schon so früh wie möglich in die Planung einzubinden. "Wenn ich in ein fix fertiges Haus komme und es nur noch darum geht, die Möbel zu verschieben, ist es eigentlich schon zu spät." Die wichtigsten Fragen im Feng-Shui drehen sich rund um die Geomantie und Radiästhesie, also um die Erdstrahlung und um die Globalgitternetzlinien, die die Erde umspannen. Die Inneneinrichtung der Wohnung hingegen macht nur einen Bruchteil aus.

"Das Problem liegt in der Praxis", sagt der Wiener Architekt Lutz Lehmann, "in einer Wohnhausanlage kann man als Endverbraucher nicht mehr wahnsinnig viel Einfluss auf die Lage des Hauses nehmen." Viele Kunden, wenn sie nicht gerade ein Einfamilienhaus bauen, müssten mit der reinen Zimmergestaltung und der Inneneinrichtung also vorliebnehmen.

Aus Erfahrung weiß der auf Feng-Shui spezialisierte Architekt jedoch: Bei jeder Wohnung kann man etwas machen. "Ich habe in meinem Leben eine einzige Wohnung besichtigt, bei der ich passen musste. Unter dem Schlafzimmer befand sich ein Traforaum. Mann muss kein Anhänger des Feng-Shui sein, um zu verstehen, dass das einfach nicht gutgehen kann."

Gesunder Menschenverstand

Ein Beispiel für die angewandte Lehre des Feng-Shui ist das Meditationszentrum Zendo im 15. Bezirk in Wien. Dabei wurde eine rund 80 Quadratmeter große Gründerzeitwohnung umgebaut. "Es beginnt bereits beim Eingang", erklärt Architekt Siegfried Meinhart, "an jeder einzelnen Schwelle, müssen Sie dafür sorgen, dass die Besucherinnen und Besucher allmählich zur Ruhe finden."

Die architektonischen Tricks reichen von den Materialien, über die Farben, bis hin zu akustischen und haptischen Maßnahmen. Meinhart: "Es ist ein Unterschied, ob Sie über einen weichen Teppichboden, über Kunststoff oder über Vollholz gehen." Feng-Shui, so versichert der Architekt, sei nichts anderes als auf den Menschen bezogene Raumgestaltung. Letztendlich seien die Inhalte der chinesischen Lehre mit gesundem Menschenverstand genauso gut erzielbar.

Auf dem Markt angeboten werden einzelne Feng-Shui-Beratungsstunden um rund 200 Euro, begleitende Planungen um einige hundert Euro, oder aber umfangreiche Pakete, bei der man schon mit Honoraren im vierstelligen Bereich rechnen muss. Es ist daher zu empfehlen, sich vor Auftragsvergabe an mehrere Berater zu wenden und Angebote einzuholen.

Wer mit den Spielregeln intelligenter Architektur vorliebnimmt und sich lediglich in Fragen der Raumgestaltung beraten lassen will, der wird wahrscheinlich bald einmal fündig. Wer jedoch Wert darauf legt, eine fundierte Feng-Shui-Beratung nach traditionell chinesischem Vorbild zu erhalten, der muss wahrscheinlich länger suchen - und mehr zahlen.  (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.8.2008)

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