Ein Bewahrer der Schönheit

22. August 2008, 17:02
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In Julien Greens 1942 in New York veröffentlichten "Erinnerungen an glückliche Tage" liegt der Schlüssel seiner künstlerischen Existenz

Als er ein Kind war, stellte sich Julien Green Frankreich als eine Person vor. In einem Geschichtsbuch hatte er eine Abbildung missverstanden und sah fortan das Land als eine mächtige Frau mit einer Krone an. Ihn beunruhigte, dass la France eines Tages sterben könnte. Dieses Bild des von ihm so innig geliebten Landes hat sich Green erhalten. Die an seine Mutter gerichtete Frage: "Wie alt ist Frankreich?" , stellte der große amerikanische Schriftsteller mit französischem Herzen später nicht mehr, die Sorge um ihr Sterben hingegen erfasste ihn dramatisch wieder.

Als das nationalsozialistische Deutschland 1940 Frankreich besetzte, verließ Green, der 1900 als Sohn des amerikanischen Vertreters der Cotton Oil Company in Paris geboren worden war, aber sein Leben lang amerikanischer Staatsbürger blieb, sein Paris und verbrachte die Zeit des Krieges in den USA. In jenem Frankreich, das von den Nazis "beleidigt und bespuckt wird" , konnte er nicht leben. Der Kriegsausbruch markierte für Julien Green das Ende einer Welt.

1942 erschienen in New York seine Memories of Happy Days, die erstmals auf Deutsch vorliegen. Diese Erinnerungen an glückliche Tage sind in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit in Greens dichterischem Werk und, dass sie erst jetzt übersetzt wurden, ist Teil ihrer Geschichte. Er schrieb das Buch auf Englisch, gezielt für angelsächsische Leser, denen er begreifbar machen wollte, weshalb es so dringend galt, die französische Kultur vor dem Krieg, den Deutschen zu retten. Die Erinnerungen sind ein glühendes Pamphlet, ein Aufruf an die Amerikaner, die knapp davor standen, für Europa in den Zweiten Weltkrieg einzugreifen.

Und nicht besser hätte Green für seine Wahlheimat werben können als mittels der eigenen Erfahrung des Glücks, das für ihn stets so eng an Frankreich gebunden war. Die hervorragende Übertragung ins Deutsche von Elisabeth Edl folgt einer von Green selbst verfassten französischen Version, nähert sich aber, wo es gilt, den Kulturschatz Frankreich erfahrbar zu machen, den Memories von 1942.

Jahrzehnte später sollte Green, der im August vor zehn Jahren 98-jährig gestorben ist, in seiner (französischen) vierbändigen Autobiografie noch einmal über seine Jugendzeit schreiben - Erinnerungen, die sich von jenen des Vierzigjährigen nur zu stark unterscheiden. Denn mehr als die ab 1963 erschienenen Junge Jahre atmen die Erinnerungen aus dem Krieg den Geist einer unwiederbringlich vergangenen Zeit.

Und mehr noch als die stimmig verfasste Kindheitserzählung, deren Zeit Green wie in einem Becken glasklaren Wassers Tropfen für Tropfen sorgfältigst einfängt, beschreibt Green in dieser wunderbaren Hommage eine intellektuelle Nostalgie. Er verhandelt in seinen Erinnerungen nur vordergründig die Zauber einer beflügelten Knabenfantasie, die Aura der alten Pariser Elternwohnung, in welcher der Bub, der mit dem Zylinder des Vaters spielt, den Teufel im Kleiderschrank der Mutter hausen wusste. Er ruft die dunklen Treppen im Landhaus wach, die für sein späteres Werk zum Ort der Inspiration wurden - im Kern offenbart der Vierzigjährige hier den Schlüssel seiner künstlerischen Existenz.

Dass sich Green nach einer vergangenen Zeit sehnte, nicht wusste, wie er der Moderne begegnen sollte, ist der Ausgangspunkt dieser Gewissenserforschung: Anfang zwanzig - Green wollte Maler werden - versuchte er sich in der Kunstschule an Aktstudien, als er erkannte, dass ihm mehr als an der Moderne an den Idealen klassischer Ästhetik lag: Der Frau in seiner Skizze eckige Hüften zu verpassen wollte ihn nicht zufriedenstellen. Den zeitgenössischen Dichterkollegen, deren sprachlichen Neulandgewinnungen Green aus der Ferne faszinierten, fühlte er sich nicht zugehörig. Green, der junge Dichter, wollte keine Sprachmauern niederreißen, er wusste sich im Gegenteil dem Stil eines Baudelaire tief ergeben. "Ein erlesenerer Gebrauch des französischen Vokabulars schien mir unmöglich."

Es sind derlei Gedankengänge, die den Autor Green begreifbar machen. Auch jene, dass Green in Gesellschaft junger Dichterkollegen davor graute, sie "die Namen Hugo oder Balzac aussprechen zu hören, aus Angst vor den fürchterlichen Blasphemien, die womöglich folgen würden". Greens Vorstellungen von Literatur waren andere als die seiner stürmenden Zeitgenossen. "Ziel der Literatur sei es, Schönheit zu schaffen, selbst wenn man etwas schilderte, was nicht schön war." Für Green, der befürchtete, seine Vorstellungen seien veraltet, gab es eine Verbindung zwischen der klassischen griechischen Bildhauerei, die er bewunderte, und dem Aufbau einer französischen Seite Prosa. Ihn bekümmerte, er könne die Schönheit, die "nüchterne" Gegenwartsschriftsteller entwickelten, nicht verstehen und würdigen. "Ihre Sätze klangen wie schlecht abgefasste Telegramme, doch woher sollte ich wissen, ob ich unrecht hatte?"

Mont-Cinère, Greens erster Roman, war nicht nur 1927 in Frankreich ein großer Erfolg. Green, dessen weitverzweigtes Schreiben mehr als 70 Jahre Geschichte reflektierte, fand als Dichter Gewissheit über die Schönheit von Geschichten - die Darstellung seiner Zweifel auf dem Weg dorthin lassen dies umso mehr schätzen. (Isabella Hager, ALBUM/DER STANDARD, 23./24.08.2008)

Julien Green, "Erinnerungen an glückliche Tage" . € 19,90 / 269 Seiten. Carl Hanser Verlag, 2008

  • Ziel der Literatur war für Julien Green, Schönheit zu schaffen, auch da, wo es diese nicht gab.
    foto: isolde ohlbaum

    Ziel der Literatur war für Julien Green, Schönheit zu schaffen, auch da, wo es diese nicht gab.

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