Miserable Optik

21. August 2008, 19:01
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Es geht da nicht nur um ein schwarzes Schaf, sondern um die strukturelle Unfähigkeit, mit der die betroffenen Institutionen mit der Skandalstudie umgingen - Von Klaus Taschwer

Er lasse sich den Forschungsstandort wegen eines schwarzen Schafes nicht kaputtreden, erklärte Wissenschaftsminister Johannes Hahn genervt. Blöde Koinzidenz aber auch: Ausgerechnet während der Technologiegespräche in Alpbach, wo der ÖVP-Politiker das in der österreichischen Forschungspolitik Erreichte sowie große Zukunftsziele präsentierte, verurteilte die renommierte britische Wissenschaftszeitschrift Nature heimische Forschungsinstitutionen mit beispielloser Schärfe: "Es scheint, etwas ist faul im Staat Österreich", hieß es gestern im Editorial des Top-Magazins gar.

Der Anlass: ein auch von Nature mitaufgedeckter Forschungsskandal an der Medizin-Universität Innsbruck, dessen ganze Dimensionen immer noch nicht absehbar sind. Zwei Studien, bei denen Harninkontinenz mit Stammzellen behandelt wurde, weisen zahlreiche gravierenden Mängel (fehlende Genehmigungen, Datenfälschung etc.) auf.

Ist das nicht etwas wenig, um in Österreich gleich "verrottete Verhältnisse" zu konstatieren? Nein, die Hamlet-Paraphrasen sind nicht ganz unberechtigt. Es geht da nicht nur um ein schwarzes Schaf, sondern um die strukturelle Unfähigkeit, mit der die betroffenen Institutionen bis hin zur Akademie der Wissenschaften mit der Skandalstudie umgingen.

Der Höhepunkt: Uni-Rektor Clemens Sorg, der als einer der wenigen um eine Aufdeckung bemüht war, kam gestern seiner eigenen Absetzung zuvor. Immerhin: Die von Nature geforderte Einrichtung für wissenschaftliche Integrität soll nun endlich im Herbst starten. Mit mehr Kompetenzen als geplant, wie Minister Hahn versicherte. (Klaus Taschwer/DER STANDARD Printausgabe, 22. August 2008)

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