Pressestimmen: "Vom Westen benutzt, dann vernachlässigt

19. August 2008, 08:43
1 Posting

Independent: "Wenn es Hoffnung für Pakistan gibt, dann liegt sie in der stärker werdenden Mittelschicht"

London - Mit dem erzwungenen Rücktritt des pakistanischen Staatschefs Pervez Musharraf, dem ein Amtsenthebungsverfahren drohte, befasst sich am Dienstag die internationale Presse:

"The Independent" (London):

"Wenn es Hoffnung für Pakistan gibt, dann liegt sie in der stärker werdenden Mittelschicht mit ihrer meinungsfreudigen Presse, die eine ehrliche und effiziente Regierung fordern wird. Außerdem sollte daran erinnert werden, dass entgegen dem verbreiteten Bild von dem Land die überwältigende Mehrheit keine fundamentalistischen religiösen Parteien will. Wenn die politischen Führer sich zu einer klugen Regierungsführung entschließen, kann es mit dem Land aufwärtsgehen. Man kann die geopolitische Bedeutung Pakistans nicht genug betonen: Diese Atommacht liegt in einer der unruhigsten Regionen dieser Welt. Wir müssen hoffen, dass die Nachfolger von Präsident Musharraf es schaffen, das Land vom Rande des Abgrunds zurückzuführen."

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Musharraf war ein Militärdiktator, aber nach Ansicht von Beobachtern war er einer der besseren Sorte. Manche sagen sogar, er war über Jahre einer der besten Führer, die das bitterarme Land je hatte. Er propagierte einen modernen und moderaten Islam und sah sich selbst als eine Art pakistanischer Atatürk. Er begann Wirtschaftsreformen, unter ihm blühten die Medien zunächst auf, und er stärkte die Rechte von Christen und Frauen. Doch vor rund einem Jahr begann sein schleichender Niedergang. Musharrafs Tragödie ist, dass er den rechten Moment verpasste, in Würde zu gehen. Besessen von dem Glauben, nur er könne sein Land retten, verrannte er sich am Ende immer mehr."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Das Terrorproblem konnte der Militärmachthaber nicht lösen. Im Gegenteil. Am Ende der Ära Musharraf ist die Atommacht so instabil, dass in weiten Teilen ihres Grenzgebiets zu Afghanistan die Taliban die Macht übernommen haben. Deren Kämpfer sickern von dort aus ungestört in das Nachbarland ein, um die NATO-Truppen anzugreifen. Und die Militanten wirksam zu bekämpfen ist schwierig, denn sogar in Teilen des pakistanischen Militärs und im Geheimdienst sitzen ihre Unterstützer. Musharraf ließ sie gewähren. (...) Die neue Strategie des Westens müsste schon mit der Wahl der Worte beginnen, denn die Wut darüber, vom Westen erst benutzt und dann vernachlässigt worden zu sein, ist groß in Pakistan. Bei einer neuen Rhetorik allein darf es aber nicht bleiben. Die wirtschaftliche Unterstützung wird künftig mindestens auf derselben Stufe wie die militärische Hilfe stehen müssen."

"Frankfurter Rundschau":

"Nicht aus Einsicht ist Musharraf zurückgetreten. Auch nicht aus Furcht vor einem drohenden Amtsenthebungsverfahren durch das Parlament. Das hätte er theoretisch noch rechtzeitig auflösen können, und vermutlich hatte er entsprechende Pläne. Doch seine eigentliche Machtbasis, die Armee, hat ihn fallenlassen. Ebenso sein Mentor Washington. Deswegen muss er jetzt gehen. (...) Künftig dürfte es in Pakistan nur noch zwei Machtfaktoren von Bedeutung geben, die Armee und die Taliban. Pakistan ist auf bestem Weg zum Gottesstaat. Halten Washington, Brüssel und Berlin an ihrem Anti-Terror-Krieg in Afghanistan fest, droht in Pakistan ein Totalschaden: Atombomben in Reichweite der Taliban."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Musharraf setzte als Militärdiktator handstreichartig Entscheidungen durch, die einen zivilen Parteichef mindestens das Amt gekostet hätten. Und den folgenreichsten Beschluss im Herbst 2001 konnte nur ein Militär in die Tat umsetzen: die 180-Grad-Wende, als der General alle Rückendeckung für die Taliban fahren ließ und den US-Angriff auf Afghanistan unterstützte. Trotzdem spielte Amerikas wichtigster Alliierter im Kampf gegen den Terror ein doppeltes Spiel: Der mächtige Geheimdienst ISI hat unter Musharraf weiter seine Verbindungen zu den Islamisten gehalten und seinen Teil zur Instabilität in Afghanistan beigetragen. Zwar hat Pakistan selbst Hunderte Soldaten im Kampf gegen Extremisten in den Stammesgebieten verloren, der Präsident war Ziel mehrerer Anschläge. Andererseits hat Musharraf, wann immer es ihm passte, innenpolitisch mit den Islamisten paktiert und diesen bei den Wahlen 2002 mit dubiosen Mitteln sogar zu einem nie dagewesen Stimmengewinn verholfen."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin):

"Mit der Zeit wuchs in den USA der Unmut. Auch wurden Vorwürfe laut, der Atomstaat Pakistan verwende die milliardenschwere Militärhilfe nicht gegen die Islamisten, sondern rüste damit sein Arsenal gegen den Erzfeind Indien auf. Zudem mehrten sich Berichte, Teile des Militärgeheimdienstes ISI unterstützten immer noch die Taliban, so wie in den 1980er-Jahren, als sie islamistische Kämpfer in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung unterstützt hatten. Doch die US-Regierung war an Musharraf gebunden. Daher setzte sie die jetzige, im Februar gewählte Regierungskoalition von Musharraf-Gegnern massiv unter Druck. US-Aufklärungsdrohnen flogen Einsätze über pakistanischem Territorium, Militärschläge gegen Lager der Islamistenmilizen nahmen zu. Pakistans neue Regierung sollte um jeden Preis auf Linie gebracht werden." (APA)

 

Share if you care.