Wollust, Sex und Perlenschnüre

18. August 2008, 17:11
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"Erotik in der Karikatur" - Ausstellung in Krems: Das Rätsel, das die Erotik ausmachen soll, sich nun mit der Karikatur vermählt, scheint sich auch vor Ort nicht zu lösen

Krems - Legendär und weltberühmt sind beide Filmszenen geworden: Marilyn Monroes Rockschauspiel über einem Lüftungsschacht (Das verflixte 7. Jahr) und Sharon Stones Beinwirbel auf einem Bürosessel (Basic Instinct). Beiden Szenen gemein ist das erotische Kalkül der Protagonistinnen, ihr freiwilliges und kontrolliertes Gewähren von Blicken unter die Rocksäume. Und daher liebe Damen: Ziehen Sie im Karikaturmuseum Hosen an.

Erotik in der Karikatur heißt die von Jutta M. Pichler kuratierte Ausstellung, die sich bemüht, das indirekte, die psychologisch-geistige Anziehung, das sinnliche Begehren in karikierenden Zeichnungen vom 19. Jahrhundert bis heute zu orten. Nun ist die Karikatur aber ein Mittel der Satire, das bewusst über- und auf die Spitze treibt. In seiner Direktheit geht sie also eher Verwandtschaftsverhältnisse mit dem Zotigen, dem Obszönen, wenn nicht gar dem Pornografischen ein, mit dem, was sich unmittelbar und ohne Umschweife mit der Steigerung der Lust beschäftigt.

Das Rätsel, wie das sublime, sich verhüllende und oft aufgeschobene Begehren, das die Erotik ausmachen soll, sich nun mit der Karikatur vermählt, scheint sich auch vor Ort nicht zu lösen. "Erotik an und für sich ist ja nicht karikaturistisch oder gar etwas zu Karikierendes", meint Standard-Karikaturist Oliver Schopf, der die verwendeten Stilmittel mehr der Pornografie zuordnet. Für Filmregisseurin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl, die mit zwei ihrer "Kommentare" in der Schau vertreten ist, schließen sich die beiden Begriffe eher gegenseitig aus. "Erotik ist ein Hüllwort für Pornografie" . Und so würde auf den meisten Puffs auch nicht Puff, sondern etwa "erotischer Salon" draufstehen. Aber Karikatur müsse selbstverständlich auch Sex darstellen dürfen, meint Dusl.

Stimmt. Und insbesondere in der politischen Karikatur wird gerne darauf zurückgegriffen. Die Schau, die also besser "Wollust in der Karikatur" oder noch kühner "Sex in der Karikatur" hieße, hat dafür einige nette Beispiele gefunden. James Gillrays Darstellungen des Prinzen of Wales, des späteren George IV., als vergnügungssüchtigen Man of Feeling etwa. Oder die von Eduard Fuchs aufgezeichnete Geschichte von Lola Montez, der Tänzerin, die Ludwig I. von Bayern nicht nur den Verstand raubte, sondern dadurch auch eine Staatskrise provozierte. Als "Verunglimpfung der Monarchie" verurteilte man in Spanien das Cover des Satiremagazins El Jueves, welches das Kronprinzenpaar beim Beischlaf zeigte.

Im durch Perlenschnüre abgetrennten Separee darf man in der laut Niederösterreichs Jugendgesetz §19 erst ab 18 Jahren zugänglichen Präsentation Zumpferl-Zoten von Deix betrachten. Fragwürdig wird die Inszenierung durch die Peep-Show-Staffage und rote Plüschottomane. Klischee-Gestöhne von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, von reichlich überflüssigen Deix-Kommentaren unterbrochen, lässt es ins Jenseitige abrutschen. Bedauerlich ist das für die vielen schönen, aber vor allem historischen Beispiele, wie etwa William Hogarths "Before and After" , die hier zu sehen sind, oder Thomas Rowlandsons Motive für den anregenden Guckkasten. Auffällig ist, dass besonders die alten Bilder "Erotik" als gleichberechtigtes Vergnügen beider Geschlechter ansehen, deren "Witz" nicht nur zulasten einer Seite gehen.

In der recht katholischen Schau werden die echten Erotika in ein extra gezimmertes, winziges rosa Boudoir gesperrt. Über dessen Vulva-Form mag man noch hinwegsehen, nicht aber über das für Besucher unumgängliche Stehen auf einer Glasplatte. Und so als wäre es volle Absicht, stehen im Stockwerk darunter, zum Genießen der unfreiwillig gewährten Aussichten zwei Ledersessel. Daher also: Ziehen Sie Hosen an. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 19.08.2008)

Bis 8. 2. 2009

  • Humorvolle Abrechnung mit Verstößen gegen Moral und gute Sitten:
"Neighbourly Refreshment" (1815) des Briten Thomas Rowlandson.
    foto: museen d. stadt regensburg, sammlung dachs

    Humorvolle Abrechnung mit Verstößen gegen Moral und gute Sitten: "Neighbourly Refreshment" (1815) des Briten Thomas Rowlandson.

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