"Regierung an der Macht ist im Grunde sekundär"

26. August 2008, 19:04
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Die gefeierte Wiener Jung-Autorin Linda Stift im dieStandard.at-Interview über den Verdruss an der repräsentativen Demokratie

Wenn Österreich am 28. September - wiedereinmal - vorgezogen den Nationalrat gewählt haben wird, erwarten sich laut Umfragen die wenigsten ÖsterreicherInnen eine Besserung der politischen Situation. dieStandard.at geht deshalb in einer kleinen Prä-Wahl-Serie dem Phänomen "Politikverdrossenheit" auf den Grund. Gefragt sind Frauen, die sich im weitesten Sinn als politisch interessiert bezeichnen, aber keine politischen Ämter innehaben. Mit der österreichischen Schriftstellerin Linda Stift, die im vergangenen Jahr mit ihrem zweiten Roman "Stierhunger" einen großen Erfolg erzielte (siehe den dieStandard.at-Buchtipp: Stierhunger), beginnt die Reihe. Ina Freudenschuß sprach mit der gebürtigen Steirerin und in Wien lebenden Autorin über das Ausmaß ihrer "Verdrossenheit", der relativen Austauschbarkeit von Regierungen in Demokratien und was das alles mit ihrer Arbeit als Schriftstellerin zu tun hat.

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dieStandard.at: Die von der ÖVP veranlassten Neuwahlen sind in Österreich nicht freudig aufgenommen worden. Halten Sie Neuwahlen zum jetzigen Zeitpunkt für sinnvoll?

Linda Stift: Ich weiß nicht, ob es je einen richtigen Termin für Neuwahlen gibt, das hängt wohl davon ab, zu welchem Lager man intendiert, für ÖVP und SPÖ ist es wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt, weil die gemeinsame Koalition gescheitert ist, und das bringt wenig Sympathie, vor allem wenig Neuwähler. Ob die laufende Medienkampagne der Krone für die SPÖ tatsächlich greift, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Das ist so durchsichtig, das müsste eigentlich jeder durchschauen. Profitieren werden wieder einmal die extremen Rechten. Und ein bisschen die Grünen vielleicht, aber die tun sich immer schwer, große Zugewinne zu machen, der Pool der Grünwähler scheint ziemlich ausgereizt zu sein.

dieStandard.at: Bei vielen Wahlberechtigten hat sich die Ansicht breitgemacht, durch Wahlen nichts mehr erreichen zu können. Sehen Sie sich auch selbst als "politikverdrossen" in dieser Form?

Linda Stift: Eigentlich ja, die österreichische Politik und ihre exponierten Protagonisten sind ja, bis auf wenige Ausnahmen, durchwegs deprimierende Figuren, und die Verdrossenheit besteht einfach darin, dass es keine attraktiven Alternativen gibt, es gibt (für mich) nur die Unmöglichen und die ein bisschen weniger Unmöglichen. Man muss vor allem weg von den Personen gehen, muss sich die Grundsätze, das Programm einer Partei anschauen. Das, wofür sie steht.

dieStandard.at: Schützt demnach eine qualifzierte Meinung vor Politikverdrossenheit?

Linda Stift: Ja, vielleicht. Ich meine, man sollte sich nicht von einem Spitzenkandidaten, der einem persönlich nicht so sympathisch ist, davon abhalten lassen, eine Partei zu wählen.

dieStandard.at: Welche Partei in Österreich vertritt Ihrer Ansicht nach Frauenanliegen am Besten?

Linda Stift: SPÖ und Grüne, die anderen versuchen ja nur, die angeblichen biologischen Unterschiede, vor allem was das weite Feld der Kinderbetreuung und die bestmögliche Vereinbarung ziwschen Beruf und Familie betrifft, wieder zwischen den Geschlechtern einzuzementieren. Aber ich finde überhaupt das Wort "Frauenanliegen" schrecklich, denn diese Anliegen gehen ja jeden an, schon mit dieser Definition wird wieder eine Grenze gezogen, ein Unterschied gemacht, der dann mit noch mehr Kraftanstrengung überwunden werden muss. Das ist leider das Dilemma, solange keine Gleichheit herrscht, muss man diese Begriffe verwenden, um überhaupt in das Bewusstsein der Menschen, die diese Gleicheit ablehnen, einzudringen.

dieStandard.at: Welche Rolle spielt die gewählte Regierung des Landes, in dem Sie gerade leben, in Ihrem Leben, in Ihrer künstlerischen Arbeit? Ist sie ein Referenzpunkt für Sie?

Linda Stift: Die Regierung setzt sozusagen die Bedingungen fest, unter denen ich leben und arbeiten kann, das ändert sich von Regierung zu Regierung ein bisschen, aber eigentlich nicht dramatisch. Ich kann nicht sagen, inwieweit sie meine künstlerische Arbeit beeinflußt, da ich ja mitten drin stecke. Würde ich in einer Diktatur leben, würde meine Literatur sicher anders aussehen, sofern es sie überhaupt gäbe. Ich lebe in einem privilegierten Teil der Welt und welche Regierung (so grauenhaft sie einem auch immer vorkommen mag) in diesem Land da gerade an der Macht ist, ist im Grunde sekundär, solange sie nicht zu einem faschistischen Polizeistaat wird. Oder zu einer Religionsdiktatur oder was auch immer.

dieStandard.at: Das klingt relativ distanziert zu den sozialen und politischen Geschehnissen hier. Liegt das daran, dass Sie als Künstlerin leben oder trifft Ihrer Ansicht nach diese Einstellung auf viele ÖsterreicherInnen zu?

Linda Stift: Also, ich könnte mir vorstellen, dass andere Berufsgruppen noch gleichgültiger damit umgehen, weil sie stärker in einem fremdbestimmten Arbeitsfeld agieren und dementsprechend weniger Zeit und Nerven dafür haben. Meiner Meinung nach hat sich durch den Regierungswechsel von Schwarz-Blau auf Rot-Schwarz nicht sehr viel verändert, es war doch im Wesentlichen eine Fortsetzung der gleichen Politik. Was zum Beispiel die Asylpolitik betrifft, agiert Österreich ja leider auch dem internationalen Trend entsprechend.

dieStandard.at: Wie beurteilen Sie den Zustand der repräsentativen Demokratie allgemein. Steckt sie ausgerechnet jetzt in einer Krise?

Linda Stift: Vielleicht wäre es interessanter und gerechter, die Repräsentanten eines Staates per Los zu wählen oder nach einem ausgeklügelten System, wonach immer andere an die Reihe kommen, die das dann auch nicht ablehnen können (wie Geschworene), so dass sich keine Lobbies und Interessensgruppen bilden können, bzw. nicht immer dieselben, die es sich dann so "richten", wie sie und ihre Nachkommen es brauchen.

dieStandard.at: Kriselt es also wegen der Privilegien der eingesessenen PolitikerInnen?

Linda Stift: Ist es vielleicht eher eine Parteiführungskrise oder eine Wirtschaftskrise? Ein alternatives System ist schwer vorstellbar, die abstrakte Idee ist jedenfalls nicht in der Krise, denn irgend jemand muss es ja machen.

dieStandard.at: Welche Alternativen sehen Sie für politisches Engagement?

Linda Stift: Keine. Man kann sich politisch engagieren oder nicht, die Frage ist eher, wo beginnt das politische Engagement, beim Gespräch unter Freunden, wenn sich dadurch Meinungen ändern oder überhaupt erst bilden, oder erst dann, wenn ich für etwas auf die Straße gehe und riskiere, eingesperrt und/oder verletzt zu werden, wieder eine Definitionssache.

dieStandard.at: Werden Sie am 28. September wählen gehen?

Linda Stift: Ja.

(dieStandard.at, 26.8.2008)

Zur Person

Linda Stift, Jahrgang 1969, ist in der Südsteiermark geboren und lebt derzeit in Wien. Sie hat Germanistik studiert und arbeitet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als freiberufliche Lektorin. Ihr erster Roman "Kingpeng" erschien 2005, 2007 folgte "Stierhunger".

  • Linda Stift, "nicht politikverdrossen".
    foto: linda stift

    Linda Stift, "nicht politikverdrossen".

  • Linda Stift, hier mit Verdruss abgelichtet.
    foto: linda stift

    Linda Stift, hier mit Verdruss abgelichtet.

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