"Virus geht äußerst trickreich vor"

18. August 2008, 09:41
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Das Epstein-Barr-Virus hat Mechanismen, mit denen es die körpereigenen Abwehr- zellen manipulieren kann - Genetiker Arnd Kieser über die Vorlieben, Potenziale und Gefahren eines allgegenwärtigen Keims

STANDARD: Herr Kieser, Anfang des Jahres veröffentlichten Sie und Ihr Team eine Publikation, in der Sie beschreiben, wie das Epstein-Barr-Virus aus normalen Körperzellen Krebszellen macht. Wie macht es das?

Kieser: Zunächst einmal ist zu bemerken, dass es das ja nicht immer macht. Es müssen schon mehrere Faktoren zusammentreffen, damit es wirklich bösartig wird. Etwa dann, wenn die Körperabwehr geschwächt ist oder Umweltfaktoren Zellen empfindlich für das Virus machen. Ist das der Fall, geht das Virus allerdings sogar äußerst trickreich vor. Es klinkt sich in entscheidende Schaltstellen der Wirtszelle ein und programmiert vor allem bestimmte Abwehrzellen, die sogenannten B-Zellen, einfach um.

STANDARD: Gewöhnlich infiziert ein Virus eine Zelle, vermehrt sich und vernichtet sie schließlich. Wie lassen sich die Zellen denn umprogrammieren?

Kieser: Das ist nicht ganz trivial. Das Epstein-Barr-Virus bringt die Zellen ja nicht um, es macht sie vielmehr unsterblich. Dazu verfügt es über zwei Klassen von Eingreiftruppen. Das sind einmal Proteine, die sich an die DNA binden. Sie sorgen dafür, dass die körpereigene Zellmaschinerie die Erbinformation des Virus vermehrt und bevorzugt dessen Gene abliest. So machen das im Übrigen viele andere Viren auch. Dann bildet es jedoch noch eine weitere Gruppe: die sogenannten latente Membranproteine, kleine Eiweiße, die in die Zellmembran der Körperzelle eingebaut werden und die den Signalfluss von außen in die Zelle stören.

STANDARD: Welche Informationen erhalten sie denn, dass ihre Unterbrechung eine solche massive Veränderung nach sich ziehen könnte, dass sie zu einer Krebszelle wird?

Kieser: Von außen wird der Zelle etwa vermittelt, ob sie sich vermehren oder absterben soll. Kleine Botenstoffe, die vom Blut mitgeschwemmt werden, docken an ganz bestimmten Rezeptoren der Zellhülle an. Das löst eine Signalleitung aus, die von außen bis in den Zellkern getragen wird und schließlich etwa zur Vermehrung der Zelle führt. Dieses Prinzip macht sich das Virus zunutze und imitiert den Informationsfluss. Das heißt es schaltet gleich mehrere dieser Signalwege seiner Wirtszelle an. Die von ihm gebildeten Membranproteine veranlassen, dass die Zelle permanent die Information erhält, sich zu vermehren, und gleichzeitig auch solche, nicht mehr abzusterben.

STANDARD: Und eine unsterbliche Zelle, die unkontrolliert wächst, ist eine Krebszelle.

Kieser: Richtig. Die Bedeutung solcher Vorgänge für die erfolgreiche Biologie der Viren wurde lange Zeit unterschätzt.

STANDARD: Was passiert, wenn man diese Leitungen unterbricht?

Kieser: Das ist auch für uns eine interessante Frage. Bisherige Therapien setzen darauf, die Virus-DNA zu blockieren. Sie versuchen zu verhindern, dass das Erbgut abgelesen wird oder sich vermehrt. Das Problem ist: Auf solche Ansätze können sich viele Viren relativ schnell einstellen. Eine oder ein paar Mutationen reichen, damit es einen Weg findet, trotzdem weiterzumachen. Es wird resistent.

STANDARD: Was ist das Ziel Ihres Forschungsprojektes?

Kieser: Am Helmholtz-Zentrum in München haben wir mit kleinen Hemmstoffen versucht, die Signalweiterleitung von der manipulierten Zellmembran zu unterbrechen. Das ist sozusagen ein indirekter Weg, und das Virus hat sehr viel schlechtere Chancen, sich dagegen zu wehren. Und tatsächlich konnten wir in Mäusen mit EBV-verursachtem Krebs zeigen, dass die Tumore nach der Behandlung mit solchen kleinen Molekülen fast völlig aufhören zu wachsen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2008)

Zur Person

Arnd Kieser ist Genetiker und leitet die Arbeitsgruppe "Signaltransduktion" am Helmholtz- Zentrum in München.

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