OMV-Logik: Dummheit siegt?

17. August 2008, 19:54
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Kleiner Nachtrag zum Scheitern des MOL-Deals: Dass die OMV die ungarische MOL nicht kriegt, ist erfreulich - Kommentar der anderen von Peter Huemer

Auch wenn das Ereignis schon über eine Woche zurückliegt, ist es einer nachträglichen Würdigung wert: Dass die OMV die ungarische MOL nicht kriegt, ist erfreulich.

Zu dumm, heißt es, dass der Deal geplatzt ist! Aber wer war dumm? Die Ungarn oder die Österreicher? Ökonomisch wäre die Übernahme höchst vernünftig gewesen, heißt es, aber die dummen Ungarn haben das nicht kapiert. Und wie verhält sich Österreich, wenn ein Schlüsselunternehmen in ausländische Hände zu geraten droht? Vor einem Jahr hieß es einmal, die russische Lukoil möchte die OMV übernehmen. Hätten wir das gern?

Haben die Manager der OMV nie davon gehört, wie wichtig Standortfragen geworden sind und wie sehr Staaten aus gutem Grund darauf Wert legen, dass die Headquarters von Unternehmen bei ihnen situiert sind? Das mag im Zeitalter der Globalisierung schrecklich altmodisch klingen, unvernünftig ist es deswegen noch lange nicht. Und haben die Manager der OMV noch nie etwas von interkultureller Wirtschaftspsychologie gehört? Wenn ein Unternehmen in einem solchen Ausmaß nicht gewollt wird wie die OMV bei der MOL, ist das kein relevanter Faktor? Und wenn es dabei offensichtlich nicht nur um die Befindlichkeit eines einzelnen Unternehmens geht, sondern um die einer ganzen Nation, die sich wütend gegen die Übernahme stemmt, zählt auch das nicht? Wie blind muss man sein, um das alles nicht wahrzunehmen oder jedenfalls für belanglos zu halten, und nur von Zahlen zu reden und fiktiven Erfolgsaussichten eines Zusammenschlusses? Der Deal sei "strategisch in Ordnung, das macht Sinn, das hat industrielle Logik", war Wolfgang Ruttenstorfer vor einem halben Jahr überzeugt. Darüber hinaus sah der OMV-Generaldirektor offenbar keine Probleme. Wie lässt sich das erklären?

In dem Zusammenhang ist ein Blick auf die Sprache der Wirtschaft interessant. Da gab es vor wenigen Tagen im Standard ein Interview mit einem Spezialisten, der führend in "Beratung und Selektion" tätig ist. Der Mann warnte davor, Hochschul- und Fachhochschulabsolventen in Zukunft noch High Potentials ("HiPos") zu nennen, weil der Begriff "abgetreten" sei. Im Übrigen seien diese HiPos Opfer unseres Bildungssystems, weil sie nie gelernt hätten, "dass Fleiß und Dauerhaftigkeit eine Basis des Erfolges sind." Vor allem "an Etappensiegen" seien sie interessiert, es fehle "im Menschlichen", und: "Das Interesse heißt oft: schnell viel Geld zu verdienen".

Wenn das stimmt, ergeben sich zwei Fragen: Bildet unser Schulsystem gierige Idioten aus? Und wie weit hängen Dummheit und Gier mit der Struktur unseres Wirtschaftssystems zusammen? Zuweilen lesen wir ja auch von Topmanagern, deren Interesse kaum dem dauerhaften Bestand ihres Unternehmens gilt, sondern viel mehr dem nächsten Quartalsbericht, weil damit ihre Provision verknüpft ist - während die Frage, ob es das Unternehmen in zehn Jahren noch gibt, eher belanglos ist. Und was mit den Mitarbeitern geschieht, erst recht.

Und wer nun als junger Universitätsabsolvent in diesen Kosmos hineingerät, der ist natürlich in Gefahr, so zu werden, wie im zitierten Interview beschrieben. Daran sind nicht die Universitäten schuld, aber sie haben dem offenbar auch wenig entgegenzusetzen.

Keine Ahnung von Fleiß und Dauerhaftigkeit, nur am schnellen Geld interessiert: Wenn ein Außenstehender den Verdacht erhebt, dass unsere Wirtschaft - jedenfalls das Denken leitender Manager - häufig so funktioniert, dann wird er bestenfalls als völlig ahnungslos bezeichnet, vielleicht sogar als Feind von Freiheit und Markt denunziert. Darum ist es ja so interessant, einmal eine Stimme aus dem Inneren des Systems zu lesen, die diese ärgsten Befürchtungen bestätigt.

Zurück zu OMV und MOL: Als "hanebüchen" wird die Kritik von Laien an ökonomischen Prozessen gern charakterisiert. Was ist hanebüchen? Die Kritik an der OMV oder deren Verhalten? Nicht nur, dass die OMV mit allen Mitteln versucht hat, den Nationalstolz der Ungarn - ja, so etwas gibt es, und nicht nur in Ungarn - zu demütigen, sie hat auch ökonomisch unvernünftig gehandelt, obwohl die Attacke auf die MOL angeblich im Namen ökonomischer Vernunft erfolgt ist. Nun hat die EU, der man wahrlich keine wirtschaftsfeindliche Grundhaltung vorwerfen kann, dem Spuk ein Ende bereitet. Wenigstens das hätten die Manager der OMV vorhersehen können.

Im Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn ist Schadensbegrenzung dringend geboten. (Peter Huemer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2008)

 

Peter Huemer ist Historiker und Publizist in Wien

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    montage: friesenbichler

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