Ökonomie im 21. Jahrhundert

20. August 2008, 13:54
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Der Bedarf an bezahlten und unbezahlten sozialen Leistungen wird weiter zunehmen, Ökonomie gilt es als Theorie der Er­werbs- und Versorgungs­wirtschaft zu begreifen - Von Ulrike Knobloch

Holzschnittartig lassen sich drei Phasen des Verständnisses von Ökonomie unterscheiden: Bei Aristoteles war Ökonomie die Kunst der Hausverwaltung und damit auf die Hauswirtschaft und die vielfältigen Tätigkeiten innerhalb des Hauses bezogen, während die Gelderwerbskunst nicht zur Ökonomie gehörte. Mit Adam Smith verkehrte sich das Ökonomieverständnis dann in das genaue Gegenteil: Die Haus- und Versorgungswirtschaft wird ausgeblendet, die Markt- und Geldwirtschaft wird zum Ökonomischen schlechthin. In der dritten Phase, in der wir uns heute befinden, stehen wir vor der Aufgabe, beide Ökonomiebegriffe zusammenzuführen und Ökonomie als Theorie der Erwerbs- und Versorgungswirtschaft zu begreifen.

Diesen Gedanken möchte ich im Folgenden weiter ausführen, indem ich methodisch an den vorangegangenen Beitrag von Wilhelm Guggenberger anknüpfe, mich inhaltlich aber stärker auf den Beitrag von Adalbert Evers beziehe, den er vor ziemlich genau einem Jahr zu dieser Kettendiskussion über soziales und weitsichtiges Wirtschaften beigesteuert hat. Guggenberger möchte mit seinen Ausführungen über Geld- und Realwirtschaft eine Brücke schlagen von einer theologischen zu einer stärker sozialwissenschaftlichen Perspektive. Ein solcher Brückenschlag kommt meinem eigenen methodischen Vorgehen entgegen, denn ich argumentiere auf wirtschaftsphilosophischer Grundlage und beziehe auch die in dieser Diskussion weitgehend fehlende Geschlechterperspektive konsequent mit ein. Evers plädierte in seinem Beitrag für eine thematische Öffnung der Debatte und zeigte, dass auch in Privathaushalten, Staat und Wohlfahrtsverbänden gewirtschaftet wird, dass es also neben der Marktwirtschaft weitere Formen des Wirtschaftens gibt, die für ein soziales und weitsichtiges Wirtschaften von grundlegender Bedeutung sind. Diesen Gedanken einer erweiterten Ökonomie möchte ich aufnehmen und weiterdenken. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht um eine Ökonomisierung des Sozialen geht, sondern gerade im Gegenteil um eine "Resozialisierung von Ökonomie" (Adalbert Evers).

Erweiterung des Ökonomieverständnisses

Durch die Erweiterung des Ökonomieverständnisses werden nicht nur die Leistungen der bezahlten Erwerbswirtschaft inklusive der Sozialwirtschaft, sondern auch die unbezahlte Versorgungswirtschaft inklusive der Hauswirtschaft zum Gegenstand ökonomischer Analyse. Denn zum "Wohlstand der Nationen" (Adam Smith) tragen ja gerade auch die Leistungen ganz wesentlich bei, die in jedem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem unbezahlt meist im Haushalt oder haushaltsnah erbracht werden. Diese unbezahlten Leistungen sind für jedes Wirtschafts- und Gesellschaftssystems unverzichtbar und für jeden einzelnen Menschen lebenswichtig. Bezahlte Erwerbswirtschaft und unbezahlte Versorgungswirtschaft sind demnach zwei Seiten einer Medaille, die erst zusammen das Ganze der Ökonomie ausmachen. Durch ein solches umfassendes Ökonomieverständnis können auch Verlagerungen von Leistungen zwischen dem bezahlten und dem unbezahlten Bereich sichtbar werden, was insbesondere bei Verlagerungen von sozialen Dienstleistungen aus der Erwerbswirtschaft in die privaten Haushalte oder umgekehrt erhellend ist.

Welche Größenordnung die unbezahlte Arbeit heute hat, lässt sich im Rahmen von Zeitbudgeterhebungen und Haushaltsproduktionskonten zeigen, die mittlerweile für viele Länder vorliegen. Diese Studien zeigen, dass das Volumen der unbezahlten Arbeit in den Ländern weit größer ist als das Volumen der bezahlten Arbeit und dass der Wert der unbezahlten Arbeit - abhängig vom angesetzten Lohnsatz - zwischen 40 und 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt.

Bedarf an bezahlten und unbezahlten Arbeiten wird zunehmen

Der Bedarf an bezahlten und unbezahlten sozialen Leistungen wird in Zukunft weiter zunehmen, insbesondere Betreuungs- und Pflegeleistungen. Ein Grund dafür ist die stark gestiegene und weiterhin steigende Lebenserwartung der Menschen, wobei Alter nicht Pflegebedürftigkeit bedeuten muss. Aber dass der Pflegeaufwand durch altersbedingte Krankheiten extrem zunimmt, bezweifelt kaum jemand. Völlig offen und unklar ist, wer die zusätzlichen Betreuungs- und Pflegeleistungen in Zukunft erbringen wird, wenn Frauen, die bisher den weit größeren Anteil der Versorgungsarbeit übernommen haben, gleichberechtigte Partnerinnen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt sind, ohne dass Männer sich in entsprechendem Umfang an den versorgungswirtschaftlichen Tätigkeiten beteiligen, und wenn Arbeitskräfte aus Osteuropa oder Übersee, die jetzt einen Großteil dieser Arbeit gegen geringe Bezahlung leisten, nicht zur Verfügung stehen.

Für welche sozialen Leistungen zukünftig wie viel bezahlt wird und welche Leistungen unbezahlt erbracht werden (sollen), wer sie erbringt und wer sie erbringen sollte, sind Fragen, die sich uns im 21. Jahrhundert verstärkt stellen werden. Als Grundlage für ihre Beantwortung benötigen wir eine Ökonomie, die die bezahlte Erwerbswirtschaft ebenso wie die unbezahlte Versorgungswirtschaft in ihre Analyse einbezieht.

 

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Zur Person: Ulrike Knobloch ist Wirtschaftsphilosophin,Lehrbeauftragte 
für Philosophie, Wirtschaftsethik und Gender Studies an der Universität St. 
Gallen.
    foto: privat

    Zur Person: Ulrike Knobloch ist Wirtschaftsphilosophin,
    Lehrbeauftragte für Philosophie, Wirtschaftsethik und Gender Studies an der Universität St. Gallen.

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