Die Freiheiten des Ostens

12. August 2008, 17:44
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Diese Woche erscheint mit "Adam und Evelyn", der Geschichte eines DDR-Paars im Jahr 1989, der neue Roman von Ingo Schulze - Der Autor im Interview

Standard: Der Roman schildert den Sommer vor der Wende. Das DDR-Paar Adam und Evelyn muss sich während eines Urlaubs am Plattensee plötzlich einer ganzen Reihe von Entscheidungsfragen stellen. Ungarn hatte die Grenzen geöffnet.

Schulze: Da war diese Möglichkeit, plötzlich zwischen Ost und West wählen zu können. Diese Wahl gab es vorher so nicht, und bald darauf sollte es sie auch nicht mehr geben. Dabei entsteht die Verlockung, dieses Dazwischen auszudehnen, den Urlaub nicht zu beenden. Zum anderen war mir klar, dass hier zwei Auffassungen von Arbeit aufeinandertreffen. Der Ostler hatte seine Souveränität eher auf Arbeit - es war nicht so schlimm, wenn man mal ein paar Tage ausscherte -, für den Westler war das nicht so leicht.

Meine Hoffnung ist, dass sich Ost und West dabei gegenseitig erhellen und dass klar wird, dass der Westen 1989 ein ganz anderer war als heute. Die Hoffnungen, aber auch die ungeheuren Möglichkeiten, die es damals gab, haben wir längst verdrängt.

Standard: "Adam und Evelyn" verweist auf den Sündenfall. Es gibt viele Verlinkungen zu der Bibel-Legende. Wo sehen Sie die Verbindungen zwischen Ihrer Geschichte und der Vertreibung aus dem Paradies?

Schulze: Diese Motive haben auch ein Eigenleben, alle Bedeutungen können mir gar nicht klar sein. Schon die biblische Geschichte ist ambivalent, über ihre Widersprüche zerbricht man sich ja schon sehr lange den Kopf. Ohne Adam und Eva kein Christus, so wie es ohne den Tod des Laokoon und den Fall Trojas kein Rom gäbe.


Die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein anhaltendes Glück, auf ein Jenseits und die Unsterblichkeit gehört zum Menschen. Die Mauer verlegte das Diesseits und Jenseits in unseren Alltag. Es geht darum, zu wählen, abzuwägen, zu entscheiden, zu handeln. Gerade an solchen Bruchstellen, auf solchen Grenzen, erfährt man meist mehr über sich und die Welt, auch wenn sich das Bild dieser Zeit mit jeder neuen Erfahrung verändert.

Standard: Adam ist Schneider. Er hat sich mit dem Leben in der DDR arrangiert. Ist die Wende für ihn die Vertreibung aus einem Paradies?

Schulze: Man assoziiert den Osten immer mit Unfreiheit, und natürlich machte die Mauer die DDR indiskutabel. Adam erkennt jedoch früh, dass es im Osten Freiheiten gab, derer man sich kaum bewusst war, weil die Möglichkeit des Vergleiches fehlte. Geld spielte keine so große Rolle, zumindest nicht bei der Berufswahl, man konnte sich auf anderes konzentrieren.

Der Existenzkampf, der Verdrängungskampf fehlte. Adam hat sich durch seine Schneiderei unabhängig gemacht, er ist souverän. Für ihn hat die Arbeit etwas hoch Erotisches. Er macht die Frauen schön und begehrt diese Schönheit dann selbst. Im Westen wird diese Arbeit für ihn erst mal nur zum Gelderwerb, zur Plackerei. Er sieht aber auch, dass seine Wahl diese Entwicklung nur beschleunigt hat.

Standard: Es ist erfreulich, dass es keinen Stasi-Mann gibt, der im Laufe der Geschichte geläutert wird. Das ist im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur nervigen Marotte verkommen.

Schulze: Ich höre das meistens als Vorwurf. Dabei sind es eben diese nicht abreißenden Erwartungen und Verdächtigungen, die der Staatssicherheit ein Weiterleben bescheren.

Standard: Das Buch besteht weitgehend aus Dialogen. Warum?

Schulze: Das Buch beginnt mit Adam, wird dann fast drehbuchartig und endet in Evelyn, diese Bewegung fand ich wichtig. Wenn diese langen Dialogpassagen beginnen, ist bereits so viel kritische Masse angehäuft, dass es zur Explosion, zum Streit kommt. Die Beschreibungen beschränken sich auf das Notwendigste, gerade mal, dass es eine Aufhängung für diese Szene gibt. Das ging gar nicht anders. Diese Entladung lässt keinen Raum und keine Zeit für anderes.

Standard: Der Roman atmet eine frische Leichtigkeit. Haben Sie nach Ihrem Epos "Neue Leben" , an dem Sie sieben Jahre gearbeitet haben, neue Freude an der Leichtigkeit gefunden?

Schulze: Wenn jemand zu einem Buch von mir greift, dann soll er daran Vergnügen haben, auch wenn es das erste Buch ist, dass er im Leben liest. Wer aber mehr gelesen hat, wird natürlich mehr entdecken. Von Adam und Eva hat eigentlich jeder schon gehört. Trotzdem fand ich es wichtig, den Bibeltext aufzunehmen. Mir war vorher nicht klar, dass es bei der Sündenfallgeschichte nicht nur um Erkenntnis geht, sondern genauso um das ewige Leben.

Wir Menschen sind aus dem Paradies verbannt, damit wir jetzt nicht auch noch vom Baum des ewigen Lebens essen, denn dann wären wir wirklich wie Gott. Diese Frage wird im Buch ganz wichtig. Es gibt ja ernstzunehmende Thesen, die besagen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass wir die Sterblichkeit ausmerzen können. Das einzig Tröstliche am Tod ist ja, dass wir alle ihn erleiden müssen. Wenn das aber eines Tages nicht mehr so sein muss, was dann?

(Ingo Petz, DER STANDARD/printausgabe, 13.08.2008)

Zur Person:
Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, war Dramaturg und Journalist, er arbeitete mehrere Jahre in Russland. Seit den Neunzigerjahren lebt er als Schriftsteller in Berlin. "Adam und Evelyn" erscheint im Berlin Verlag.

  • "Man assoziiert den Osten mit Unfreiheit." Ingo Schulzes Romanfigur
Adam erkannte aber "dass es im Osten Freiheiten gab, derer man sich
kaum bewusst war", weil ein Vergleich fehlte.
    foto: peter peitsch

    "Man assoziiert den Osten mit Unfreiheit." Ingo Schulzes Romanfigur Adam erkannte aber "dass es im Osten Freiheiten gab, derer man sich kaum bewusst war", weil ein Vergleich fehlte.

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