Prozess: Nach Missbrauch schwieg Bub zwölf Jahre lang

7. August 2008, 20:21
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Täter war als Kind selbst Missbrauchsopfer

Wien - M. hatte es sehr lange verdrängt - erst als er 17 Jahre alt war, dämmerte es ihm langsam wieder, was damals passiert war. Damals, als er erst fünf Jahre alt war. Während eines Streites mit seiner Mutter erzählte er ihr schließlich erstmals davon und machte ihr Vorwürfe. Sie ging umgehend zur Polizei, berichtete, was damals vorgefallen war und erstattete Anzeige.

Damals, 1996, hatte die alleinerziehende Jasmine mit zwei Männern in einer Wohngemeinschaft gelebt. Andreas V. schlief gemeinsam mit einem Bekannten in einem Zimmer, Jasmine mit ihrem fünfjährigen Buben im anderen. Wie das Verhältnis zum Sohn von Jasmine gewesen sei, will Richter Roland Weber von Andreas V. wissen. Ob er für ihn wie ein Vater gewesen sei? "Wie ein großer Bruder."

Das Zusammenleben ging mehr als ein Jahr gut, bis eines Morgens der kleine M. ins Zimmer von Andreas V. huschte, während seine Mutter noch schlief. "Ich habe ihm erst gesagt, er soll mich weiter schlafen lassen" , berichtet Andreas V. am Donnerstag im Wiener Landesgericht. Doch der Bub habe sich an seine linke Seite gelegt, ihn auf die Wange geküsst und immer wieder gesagt: "Ich liebe dich."

Da sei er "voll schockiert gewesen" , so Andreas V. Er habe erst dem Buben gesagt, er solle das nicht machen, doch das Kind habe sich "wie ein Erwachsener benommen" . Dann habe er ein Blackout gehabt; "ich konnte mich nicht halten und habe ihm gesagt, er soll mich unten küssen" .
Später habe er "bemerkt, das war ein Fehler von mir" und habe versucht, mit Jasmine über das Vorgefallene zu sprechen. Doch "sie hat mich einfach ignoriert. Ich war sehr schockiert."

"Sie waren aber oft schockiert" , merkt Richter Roland Weber an. "Und das was Sie getan haben, hat Sie das auch schockiert?" - "Natürlich." Noch dazu da Andreas V. als sechsjähriges Kind in seinem Geburtsland Kolumbien selbst Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden war.

Da sich im Zuge des Verfahrens herausstellt, dass Andreas V. auch öfter auf den Buben aufgepasst hatte, weitet die Staatsanwaltschaft die Anklage auch auf Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses aus. Da der Angeklagte voll geständig und ansonsten unbescholten ist, fällt der Schöffensenat ein mildes und inzwischen rechtskräftiges Urteil: Drei Jahre bedingt.

Andreas V. ist es inzwischen auch schon gedämmert, was er damals getan hat. Doch er selbst weiß immer noch nicht warum. Er versucht es nun, im Zuge einer Therapie zu ergründen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 8. August 2008)

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