"Die Designwelt ist ein rosaroter Traum"

10. August 2008, 17:00
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Das Museum für Gestaltung in Zürich zeigt die aufwändig inszenierte Solo-Show von Alfredo Häberli, für den Beobachtung die schönste Form des Denkens ist

Es sollte eine Rückkehr an den Ort sein, an dem für ihn vieles begann. Rund 20 Jahre, nachdem Alfredo Häberli an der Schule für Gestaltung in Zürich sein Industrie-Designstudium aufgenommen hatte, begibt er sich dorthin zurück - mit einer beeindruckenden Solo-Show. Im Museum für Gestaltung, für das er selbst zahlreiche Ausstellungen inszeniert und kuratiert hat, zeigt der international renommierte Designer mit "Alfredo Häberli Design Development - Surround Things" einen Rückblick auf 17 Jahre Designtätigkeit.

Gemeinsam mit dem Gestalter Moritz Schmid und der Kuratorin Angeli Sachs inszeniert Häberli mit viel Sinn fürs Detail und einer Prise Selbstironie seine weite Welt des Designs. Diese präsentiert sich als Stadt, in der nicht nur Häberlis Entwürfe selbst die Hauptrolle spielen. Denn gleich am Eingang stehen drei Holzchalets als Referenz an die Schweizer Designgeschichte, die dem in Argentinien 1964 geborenen Designer "Inspiration für meine Arbeit und Nahrung für meine Träume" ist. Gucklöcher gewähren einen Blick auf rund 160 Objekte, von Willy Guhls Eternitschlaufen-Sessel bis zu den Kleidern von Akris.

Auseinandersetzung mit der Form

Die Schweizer Funktionalität prägt ihn bis heute, während seiner Ausbildung vermisste Häberli aber die Auseinandersetzung mit der Form. "Ich musste erst für Wanderjahre nach Italien, um über Schönheit und Formverläufe sprechen zu können", sagt er.

Design muss für ihn den Menschen berühren. Das Ergebnis dieses Strebens präsentiert sich in dreizehn aufgeklappten Hauskonstruktionen. Dort sind wie in einer Theaterkulisse Häberlis Entwürfe für Firmen wie Offecct, Moroso, Alias und Iittala auf charmante Art zusammengestellt - eine gekonnte Demonstration eines der Hauptthemen Häberlis, dem Bezug zwischen Objekt und Raum. Unter dem Titel "Der Raum, in dem wir leben" sind einige seiner größten Erfolge versammelt. Um den Tisch "Skaia" gruppieren sich der "Segesta"-Stuhl und der Barhocker Ginger, der eine praktische Ablage unter dem Sitz bietet, die Tischplatte schmücken Gläser aus der Serie "Essence" und das gestreifte Geschirr "Origo" - beides Bestseller, von deren Tantiemen Häberli leben könnte.

"Drahtbiegen liegt mir als Technik", sagt der Designer. Das lässt sich im Haus mit dem Titel "Endlose Linien" nachvollziehen. Dort stehen wie auf einer Terrasse die Möbel des heuer in Mailand präsentierten Outdoor-Programms "Plein Air" von Alias. Gebogene Drähte bilden die Struktur, über die wattierte Sitzjacken gezogen werden. Über dem Ensemble schwebt eine Wolke, aus der sich blaue Seile gen Boden entrollen - wie Regenschnüre bilden sie Pfützen am Boden. Das Spiel mit der Linie lässt nicht zuletzt an den amerikanischen Künstler Alexander Calder denken, der Draht zu ganzen Miniaturzirkussen bog.

"An der Denkweise erkennbar"

"Ich habe früher immer gesagt, meine Produkte seien nicht an der gemeinsamen Handschrift, sondern an der Denkweise erkennbar", sagt Häberli. Während der Arbeit an der Ausstellung habe er dies revidieren müssen. "Eine gewisse Weichheit und fließende Linien verbinden meine Arbeit." Die Linie taucht auch in einem Betätigungsfeld auf, das Häberli seit jüngstem nicht nur für sich selbst betreibt: das Zeichnen von Cartoons. Zwei Kuppeln zeigen im Inneren Häberlis übersprudelnden Einfallsreichtum. Mit viel Witz wirft er seine Figuren aufs Papier. Skizzen sind für ihn der Anfang des Entwurfs, seine Cartoons transformieren Szenen um seine Entwürfe zu fantastischen Geschichten. "Beobachtung ist die schönste Form des Denkens", resümiert Häberli. Davon profitiert mittlerweile auch das Audi-Magazin, für das er Cartoons strichelt.

In der Mitte der Inszenierung steht das wie ein Schaulager eingerichtete Labor. Das große Regal trägt Modelle, Arbeitsproben, Gussformen und Prototypen. Hier lässt sich Häberli in die Karten schauen. Gezeigt werden neueste Entwürfe wie Stühle für ein Restaurant in Kopenhagen oder eine Schuhkollektion für das mallorquinische Label Camper, aber auch Misslungenes. Zwei Jahre arbeitete Häberli an einem Stuhl für Vitra. Der Entwurf scheiterte. Häberlis Kommentar: "Die Designwelt ist ein rosaroter Traum. Aber es gibt immer auch Dinge, die nicht aufgehen."

Küche als Seele des Hauses

Eine Vision ist zunächst auch seine Konzeptküche für den italienischen Hersteller Schiffini. Wie ein Concept Car in der Automobilindustrie übertreibt dieser Entwurf - und fasziniert. "Die Küche ist für mich die Seele des Hauses", sagt Häberli. Statt klinisch-rein präsentiert sich die Küche leicht unordentlich, die Materialien Kupfer und Holz stehen für Sinnlichkeit. Das Zentrum bilden eine große Werkbank und ein Tisch, an dem gegessen, gespielt, geredet und gebastelt werden soll - ganz wie in Häberlis Kindheit in Argentinien. Überraschendes Element ist der auf Stelzen stehende Wassertank: Damit soll der kostbaren Ressource Wasser gedacht werden.

Der charmanteste Teil der Ausstellung offenbart sich - ganz nach Häberlis Gusto - erst auf den zweiten Blick. Betritt man den mit Textilien der Firma Kvadrat geschmückten Raum, geht kurz danach das Licht aus. Und wo zuvor auf den bunten Vorhängen die Geschichte eines Dorfes erzählt wurde, entrollt sich nun vor dem Auge des Betrachters eine andere Geschichte, die mit Katzen, Dieben samt Taschenlampen, Straßenlaternen und Eulen vom Nachtleben in diesem Dorf kündet. "Das sind Geschichten nur für Kinder, die erzählt werden, wenn das Licht gelöscht und die Eltern aus dem Zimmer gegangen sind", sagt Häberli. Man wünscht sich, man hätte als Kind auch einen solchen Vorhang gehabt.(Andrea Eschbach/Der Standard/rondo/08/08/2008) 

 

Andrea Eschbach ist Designjournalistin in Zürich und schreibt für Publikationen wie die "Neue Zürcher Zeitung", "Form" und "Frame".

"Alfredo Häberli Design Development - Surround Things": Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstraße 60, 8005 Zürich. Bis 21. September 2008.

www.museum-gestaltung.ch

  • Halle des Museums
 
    I & I Fotografie, Zürich; Alfredo

    Halle des Museums

     

  • Alfredo Häberli
    I & I Fotografie, Zürich; Alfredo Häberli Design Development; Iittala

    Alfredo Häberli

  • Sein Geschirrset "Kid's Stuff" für Iittala
    I & I Fotografie, Zürich; Alfredo Häberli Design Development; Iittala

    Sein Geschirrset "Kid's Stuff" für Iittala

  • Alfredo Häberlis Sessel "Nais" für Classicon
    I & I Fotografie, Zürich; Alfredo Häberli Design Development; Iittala

    Alfredo Häberlis Sessel "Nais" für Classicon

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