"Mein Gott, was machen wir jetzt?"

6. August 2008, 10:59
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Tamira Paszek hat in Trai­ner Passos eine Vater­figur gefunden, über das vergangene halbe Jahr sagt sie: "Ich war keine Sportlerin, keine Athletin"

Wien - In der großen Pressekonferenz im Wiener Hilton hat sich Tamira Paszek Dienstag den Frust von der Seele geredet. Über die Ungerechtigkeit ihrer Nichtnominierung für die Olympischen Spiele durch das ÖOC. Völlig untergegangen ist dabei freilich der Riesenerfolg, den die erst 17-jährige Vorarlbergerin vergangenen Donnerstag im Montreal-Achtelfinale mit dem Sieg über Ana Ivanovic, die Nummer 1 der Welt, geschafft hat. Und welch positive Auswirkungen dies auf ihre - zuletzt quasi ein halbes Jahr auf Eis gelegene - Karriere hat.

Nach sechs Monaten, die von persönlichen wie sportlichen Problemen durchwachsen waren, hat Tamira der 6:2,1:6,6:2-Erfolg über Ivanovic wieder den Weg gezeigt. "Ich hab den Schläger fallen gelassen, das Gesicht in die Hände getan und habe es kaum glauben können. Das Erste, was ich gedacht habe, war: Mädchen du hast es irgendwie überstanden, bist durch die ganze Zeit, die jetzt nicht so schön war, durch. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Platz geweint."

Nichtberücksichtigung als schwerer Schlag

Doch vom Hochgefühl des ersten Sieges über eine Top-Ten-Spielerin im Alter von nur 17 war es nicht weit zum emotionalen Fall. Das Olympia-Aus wegen Nichtnominierung, das von vielen Spielerkolleginnen nur mit ungläubigem Kopfschütteln kommentiert wurde, hat die ehrgeizige Paszek schwer getroffen.

Die Gedanken an einen Nationalitäts-Wechsel sind aber keineswegs der Schnellschuss eines unerfahrenen Teenagers. Sie denkt darüber nach, will sich alle nötige Zeit dafür nehmen. "Es ist etwas, was mit meinem Leben zu tun hat, auch mit meinem Leben nach dem Tennis - als Person Tamira." Darum werde diese Entscheidung vielleicht Wochen oder Monate dauern.

"Oh mein Gott, was machen wir jetzt?"

Möglichkeiten hat sie genug, denn vom Talent hat die zweifache Grand-Slam-Achtelfinalistin die Tennis-Welt schon mehrmals überzeugen können. Allen voran Larri Passos. Der Brasilianer, der Gustavo Kuerten seinerzeit zu drei French-Open-Titeln geführt hat, ist nicht umsonst schnell überzeugt gewesen, die kleine Vorarlbergerin nach einem halben Jahr "Auszeit" wieder unter seine Fittiche zu nehmen. "Ich war im schlechtesten Zustand überhaupt, so hat mich Larri nach den French Open übernommen. Das einzige, was er gesagt hat, war: Oh mein Gott, was machen wir jetzt?"

Die Antwort war, trainieren, was das Zeug hält. Nach sieben Wochen erneuter Zusammenarbeit geht es nicht nur ergebnismäßig steil bergauf. "Ich habe in eineinhalb Wochen Camp dreieinhalb Kilo an Fett verloren, das ist nicht schlecht", stellt sie fest. Auch mental ist sie gestärkt. "Ich weiß wieder, wo ich hin will, habe meine Ziele genau vor Augen." Zunächst will sie wieder dorthin, wo sie 2007 schon war: ein Ranking um 35. Montreal brachte ihr schon eine Verbesserung um 27 Plätze auf Position 67.

Brasilien als neue Heimat?

Und weil sich Paszek in Brasilien so wohl fühlt, wäre das südamerikanische Land vielleicht sogar eine mögliche neue Heimat. "Ich habe in Brasilien das perfekte Umfeld. Ich habe einen Trainer, der zu mir steht, ein Camp, wo ich trainieren kann. Ich habe dort Leute, die mich unglaublich behandeln, die mich auf Händen tragen, wenn ich dort bin", erzählt Tamira. Den Tennisverbands-Präsidenten Brasiliens kennt sie auch schon. "Ich habe in Brasilien meine zweite Familie gefunden." Und Passos will sie ohnehin nie wieder hergeben: "Ich will ihn nie wieder als Menschen verlieren, nie wieder als Trainer. Er ist für mich mehr als nur ein Trainer, er ist für mich wie ein Vater, der mich auch in schlechten Zeiten unterstützt und immer hinter mir steht."

In Österreich sind die Bande zuletzt etwas mehr gekappt worden. Wohl auch, weil Tamira klammheimlich noch vor Wimbledon die Schule in Dornbirn/Schoren vorzeitig verlassen hat. "Es war ein freundschaftliches Gespräch mit dem Direktor", meint Paszek lachend. Sie möchte nun die Schule via Internet beenden, in Brasilien gäbe es sogar eine deutschsprachige Internet-Schule.

Genommene  Chancen

Im Hinblick auf die ÖOC-Entscheidung wird sie alle Möglichkeiten prüfen, auch mit dem Internationalen Tennisverband (ITF) darüber sprechen. "Man hat mir die Chance auf Punkte, ein Turnier, auf Geld und auf eine Olympiateilnahme mit 17 genommen. Das ist, wie wenn ich für ein Turnier wie die US Open nenne und bin durch mein Ranking, das ich mir erarbeitet habe, im Hauptbewerb und der Turnierdirektor sagt: Tamira ich will dich nicht im Turnier dabeihaben." Verbittert ist Tamira aber nicht nur wegen dem ÖOC, auch von so manchem Untergriff in den Medien. Ein Interview, wonach sie sich in den "Dschungel abgesetzt habe", hat sie auch geärgert. "Okay, ich bin in Brasilien, trainiere im Dschungel mit ein paar Affen Backhand cross und Vorhand longline und hab dort meinen Frieden gefunden", meint sie sarkastisch. Doch es verbinde sie sehr viel mit Österreich, nicht nur Sponsorenverträge und Familienbande.

Beim (medialen) Großreinemachen sprach Tamira auch grundsätzlich das an ihr immer wieder kritisierte Gewicht an. "Ich glaube, die Fitness ist nicht alles im Tennis." Natürlich sei sie das vergangene halbe Jahr schlecht beieinander gewesen. "Ich war keine Sportlerin, keine Athletin, ich war eine normale Person, die ab und zu ins Fitnessstudio geht." Aber zur Spielerin mit einer Figur wie Maria Scharapowa wird sie nie werden. "Ich habe die Gene meiner Eltern, ich bin nicht wie andere, die 2.000 Kalorien verbrauchen in kürzester Zeit. Ich kann vier Stunden trainieren und habe danach immer noch keinen Hunger, irgendwie verbrennt es bei mir nicht so schnell. Das ist etwas, worüber ich mir keine Gedanken mache. Zu 90 Prozent spielt im Tennis der Kopf eine sehr große Rolle."(APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tamira Paszeks Formkurve zeigt steil nach oben.

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