Sicherheitssystem trotz Planspielen ausgetrickst

6. August 2008, 17:57
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Drei Männer und eine Frau aus Großbritannien und den USA entrollten Transparente auf Strommasten vor dem Olympia-Gelände

Mit Protestaktionen kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, noch dazu in Hochsicherheitszonen, haben westliche und chinesische Aktivisten die Pekinger Behörden überrascht.

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Der junge Brite mit Schutzhelm und Steigeisen klebte am Mittwochmorgen in einem Dutzend Meter Höhe an dem Betonpfeiler eines Strommasten vor dem Nationalstadion, dem "Vogelnest" . Über ihm und am Mast daneben hingen heruntergelassene Stoffbanner, eines mit der Aufschrift in Englisch und Chinesisch: "Freies Tibet" . In Anlehnung an das Olympiamotto hieß es auf dem zweiten Banner auf Englisch: "Eine Welt, ein Traum - befreit Tibet" . Über ein Mobiltelefon berichtete er an einen ihn filmenden Fernsehjournalisten über seinen Protest gegen "Chinas Unterdrückung in Tibet."

Ian Thom aus Edinburgh, wie er sich über Handy im Gespräch mit BBC-Reportern zu erkennen gab, gehört mit zwei weiteren jungen Männern und einer Frau der New Yorker Initiative "Studenten für ein freies Tibet" an. Die zwei Briten und zwei Amerikaner seien als Touristen eingereist, verbreitete Pekings Polizei über die Nachrichtenagentur Xinhua. Sie bestätigte ihre Festnahme wegen des Aushängens der Parole "Befreit Tibet" .

Die vier seien um 5.47 Uhr früh gekommen. Die beiden Männer seien auf die Masten gestiegen. Zwölf Minuten später sei die Polizei an Ort und Stelle gewesen und habe sie überredet herunterzuklettern. Die Feuerwehr holte die Transparente herunter. Sun Weide, Sprecher des Olympia-Organisationskomitees (Bocog), verurteilte die Aktion: "Wir sind dagegen, die Spiele zu politisieren."

Pekings Behörden, die den Vorfall nicht verschwiegen und am Mittwoch auch keine Webseiten sperrten, reagierten nach außen routiniert. Auf Proteste aller Art seien sie eingestellt, ließen sie einst bekanntgeben. Sie hätten sie in Planspielen eingeübt. Im August letzten Jahres erlebten sie sie fast ein Dutzend Mal in Peking. Damals gelang es Menschenrechts- und Tibetinitiativen, Transparente von Brückengeländern ebenso wie an der Großen Mauer auszuhängen und Journalisten vorab über ihren Protest zu verständigen. Nach ein oder zwei Tagen wurden die Demonstranten abgeschoben.

Vor den Augen des IOC

Auch den vier zwischen 23 und 34 Jahre alten Tibet-Aktivisten dürfte es nicht anders ergehen, zumal sich der Fall vor den Augen des IOC in Peking abspielte. Dieses forderte die Behörden auf, "rational und vernünftig" zu reagieren. Zudem fliegen ab heute, Donnerstag, dutzende westliche Staatschefs ein, unter ihnen US-Präsident George W. Bush mit Familie. Er bringt auch seinen Vater, den Ex-Präsidenten, mit. Bush hat angekündigt, mit den Führern Pekings auch Fragen der Menschenrechte und der Religionsfreiheit diskutieren zu wollen. Die Tibetfrage gehöre auch dazu.

Die Demonstration am Mittwoch war nicht die einzige. Drei US-Aktivisten demonstrierten gegen Abtreibungen mit einem Sit-in auf dem Tian'anmen-Platz vor dem Geschichtsmuseum. Die Polizei habe sie nach 30 Minuten überzeugt, den Platz zu verlassen, schrieb Xinhua. Ähnlich erging es einer chinesischen Tierschutzinitiative, die auf dem Olympiagelände für ihr Anliegen warb. Am Tag zuvor hatten Chinesen an zwei Stellen gegen ihre Hausenteignungen öffentlich protestiert.

Trotz der harmlosen Vorfälle sollen die Antiterrorbehörden am Mittwochabend noch zu Krisensitzungen zusammengetreten sein. Zwei Tage vor Beginn der Spiele häuften sich die Fälle. Und sie ereigneten sich in Hochsicherheitszonen und nicht "irgendwo in Peking" . Die Strommasten standen bei der Beichen-Straßenbrücke in Sichtweite des Olympiastadions, wo am Freitag über 80 Staatsführer zusammenkommen. Für die Behörden sei das ein schwerer Gesichtsverlust, meinte ein Rechtsexperte. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2008)

  • Im Pekinger Smog war das Transparent  vor dem Olympia-Gelände kaum zu sehen
    Foto: epa

    Im Pekinger Smog war das Transparent vor dem Olympia-Gelände kaum zu sehen

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