Der mit den Schlangen tanzt

6. August 2008, 12:39
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Der Biologe Freek Vonk ist einer der weltweit führenden Schlangenexperten - Gerade fand er heraus, wie sich die Giftzähne von Kobras, Vipern und Co herausbilden.

Seine gefährlichste Begegnung fand in einer mondlosen Nacht in Australien statt, erzählt Freek Vonk. "Es war eine zweieinhalb Meter lange King Brown - eine Giftschlange, die von allen Schlangen in Australien die größte Giftmenge pro Biss injiziert." Allein und nur mit einer Stirnlampe ausgerüstet, folgte Freek Vonk der Schlange.

Doch bevor er sie erreichte, endete das Abenteuer abrupt - durch einen Sturz in ein zwei Meter tiefes Loch. Es waren aber natürlich nicht die Schmerzen, die Vonk danach Ärger bereiteten. "Noch mehr hat es mich gewurmt, dass die King Brown weg war", erinnert er sich.

Freek Vonk ist Abenteurer, Dokumentarfilmer und vor allem: einer der führenden Schlangenexperten - und das mit gerade erst 25 Jahren. Als solcher veröffentlichte er bereits vor zwei Jahren einen Text in der renommierten Fachzeitschrift Nature. Vonk konnte darin zeigen, dass jenes Gift, das manche Schlangenarten besitzen, schon vor 200 Millionen Jahren existierte, und nicht erst, wie bis dahin angenommen, seit 80 Millionen Jahren.

"Einfach faszinierend"

Schon als Kind war Freek Vonk von der Ästhetik der Reptilien beeindruckt. "Evolutionär gesehen, sind Schlangen sehr erfolgreiche Tiere", sagt er im Gespräch mit dem Standard: "Sie leben in der Wüste, unter Wasser und im Dschungel. Ihre Morphologie ist einzigartig - einfach faszinierend."

Mit 14 Jahren hat er zum ersten Mal eine Schlange berührt, einen zahmen Tigerpython. Ab diesem Zeitpunkt war seine Faszination ungebrochen. Auch sein Biologiestudium hat er hauptsächlich deswegen begonnen, um mehr über Schlangen zu lernen.

Aktuell forscht Vonk am Institut für integrative Zoologie der Universität Leiden und beschäftigt sich mit der evolutionären Entwicklung der Giftzähne. Sie befinden sich bei unterschiedlichen Schlangenarten entweder vorne im Oberkiefer - wie bei Kobras und Vipern - oder aber im hinteren Bereich des Gebisses. Vonk konnte mit Kollegen in der aktuellen Ausgabe von Nature (Bd. 454, S. 630) jetzt beweisen, dass beide Arten von Fangzähnen im hinteren Teil des Oberkiefers entstehen - bei Kobras und Vipern aber erst im Laufe der embryonalen Entwicklung nach vorne wandern.

Zudem fanden sie bei der Analyse verschiedener Schlangenembryos heraus, dass jene Giftzähne, die auch bei ausgewachsenen Schlangen im hinteren Bereich des Kiefers stecken, in einer speziellen Zone gebildet werden. Diese hat sich während der Evolution vollständig vom Rest des Kiefers abgekoppelt und sich unabhängig - aber in Verbindung mit den Giftdrüsen - weiterentwickelt. "Die Abkoppelung dieser Zahnregion könnte eine Erklärung für die immense Vielfalt an Schlangenarten in der heutigen Zeit sein", berichtet das Team um Vonk.

Der hat sein nächstes Forschungsabenteuer schon längst geplant. Er reist demnächst nach Brasilien, wo er seine Forschungen vor Kollegen präsentieren soll. Nach den Vorträgen wird er sich am Amazonas auf die Suche nach Schlangen, Skorpionen und Echsen begeben. "Am liebsten möchte ich ein paar Monate im Jahr forschen, aber auch Dokumentationen drehen."

Der Vergleich mit dem australischen Dokumentarfilmer Steve Irwin liegt auf der Hand. Der wurde durch seine Fernsehsendung "The Crocodile Hunter" und seinen waghalsigen Begegnungen mit giftigen Tieren aller Art weltberühmt - und starb 2006 an den Folgen des Stichs eines Stachelrochens ins Herz.

Mehr Forscher als Filmer

"Ich müsste Gott auf Knien danken, wenn ich eines Tages ein Hundertstel der Menschen erreichte, die Crocodile Hunter Steve Irwin erreicht hat", sagt Vonk, unterstreicht aber im gleichen Atemzug den essenziellen Unterschied zwischen ihm und Irwin: Denn er selbst sei in erster Linie ein Forscher.

Sein Dissertationsprojekt wird übrigens durch das niederländische "Toptalent Program" mit insgesamt 180.000 Euro gefördert. Freek Vonk hat genaue Vorstellungen, wie er das Geld investieren möchte: Er will das Genom einer Giftschlange sequenzieren lassen. Besonderes Augenmerk soll dabei der genetischen Modifizierung von Zellen der Giftdrüsen bei Schlangen gelten. "Schlangengift ist nämlich eine Goldmine für die pharmazeutische Industrie. Die Frage ist, ob wir Gene verändern und dadurch die Zusammensetzung der Giftsekretion verändern können."

Obwohl er bereits mit den giftigsten Schlagen der Welt hantiert hat - gebissen wurde Vonk noch nie. Zumindest nicht von den giftigen. Und das möchte er auch weiterhin so halten. (Johanna Kober/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

  • Freek Vonk mit einem Inlandtaipan, der giftigsten Schlange der Welt. Ihr Gift kann 250.000 Mäuse oder 100 Menschen töten.
    foto: freek vonk

    Freek Vonk mit einem Inlandtaipan, der giftigsten Schlange der Welt. Ihr Gift kann 250.000 Mäuse oder 100 Menschen töten.

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