Hamas, Fatah und die Löwin Sabrina

5. August 2008, 18:29
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Das Schicksal der entführten Raubkatze war ein Sinnbild für die Autorität der Hamas - Perspektive von András Szigetvari

Das Schicksal der Löwin Sabrina war ein Sinnbild für die Autorität der Hamas im Gazastreifen. Vor drei Jahren, als bewaffnete Clans und eine korrupte Sicherheitsbehörde Gaza beherrschten, wurde Sabrina aus dem Zoo entführt. Eine der mächtigen Familien wollte das Tier als Statussymbol haben. Als die Hamas im Juni 2007 die Macht in Gaza übernahm, brachte sie den Löwen prompt zurück in den Zoo. Die Botschaft dahinter: Jetzt herrschen wir, es ist Schluss mit der Gesetzlosigkeit.

Am vergangenen Wochenende, als sich Mitglieder eines Clans und die Hamas erbitterte Kämpfe lieferten, zeigte sich, dass das Chaos in Gaza noch nicht überwunden ist. Elf Menschen starben bei den schwersten Gewalttätigkeiten seit über einem Jahr, einhundert wurden verletzt. Rund 150 Palästinenser flohen sogar über die Grenze hinweg nach Israel.

Der Hamas ging es bei der Aktion erneut darum, ihren Herrschafts- und Ordnungsanspruch in Gaza zu sichern.

Im Zentrum der Gefechte stand der mächtige Hillesclan. Mitglieder dieser Gruppe sollen Ende Juli bei einem Bombenattentat fünf Hamas-Männer und ein palästinensisches Mädchen ermordet haben. Aber das war nicht alles. Als Urheber des Anschlages vermutete die Hamas ganz andere Kräfte: Die im Westjordanland regierende Fatah. Dass da etwas dran sein könnte, bestätigt im Standard-Gespräch auch ein ranghoher westlicher Vertreter in Ramallah.

Seit Juni 2007 sind die Palästinensergebiete gespalten: In den Städten im Westjordanland herrscht die vom Westen unterstützte Fatah unter Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, im Gazastreifen die Hamas. Aber warum sollte die Fatah ausgerechnet jetzt die Konfrontation suchen? Militärisch ist die Hamas ihr im Gazastreifen weit überlegen.

Die Antwort darauf dürfte in der desaströsen Lage der Palästinenserbehörde im Westjordanland liegen: "Die Strategie nach der Machtübernahme der Hamas in Gaza war es, das Westjordanland als Modellregion aufzubauen" , sagt der westliche Vertreter in Ramallah. Durch Zugeständnisse Israels und Hilfe aus dem Ausland würde Abbas gestärkt und die radikale Hamas geschwächt werden, so die Überlegung. Da die anerkannte Fatah, dort die isolierte Hamas. Der einzige Haken daran: Diese Strategie ging nie auf.

Abbas habe bei den Verhandlungen mit Israel bisher nichts bekommen, dafür hat die Hamas im Juni einen Waffenstillstand mit Jerusalem ausgehandelt. Also trachte die Fatah nach einer Destabilisierung in Gaza. Sie habe zeigen müssen, dass sie zumindest noch Nadelstiche setzen kann.

Dabei nehmen die Spannungen zwischen den Palästinenserfraktionen inzwischen abstruse Züge an: So soll Abbas Emissäre nach Jerusalem entsandt haben, um den Israelis klarzumachen, dass die Fatah einen Austausch palästinensischer Gefangener gegen den von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit ablehnt. Denn unter den palästinensischen Häftlingen in Israel befinden sich auch vierzig Parlamentsabgeordnete der Hamas. Bisher konnte Abbas mit einem Verweis auf sie argumentieren, dass er das palästinensische Parlament, in dem die Hamas die Mehrheit hält, nicht einberufen kann. Kommen sie frei, ist dieses juristische Argument weg. Tritt das Parlament aber wieder zusammen, könnte es die Regierung im Westjordanland formal ganz korrekt entlassen.

Wobei hinzukommt, dass die Spaltung der Palästinenser weiter reicht als jene in Hamas und Fatah. Innerhalb der Hamas gibt es die berühmten Tauben und Falken. Und im Westjordanland steht Premier Salam Fayyad einer Expertenregierung vor, an der die Fatah nicht einmal beteiligt ist. Abbas hatte Fayyad wegen seiner guten Kontakte zum Westen eingesetzt. Nach Ansicht von Beobachtern fürchtet die Fatah aber nun, zu viel Einfluss an Fayyads Technokraten zu verlieren.

Am vergangenen Wochenende erschütterten die schwersten Kämpfe seit über einem Jahr den Gazastreifen. Hinter den Kulissen soll dabei die immer machtlosere Fatah die Fäden gezogen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Löwin Sabrina mit Bruder Sakher (rechts) nach ihrer Rückkehr in den Zoo von Gaza

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