Machtstreit kostet Ölfirma TNK-BP den Finanzchef

4. August 2008, 17:45
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Russische Aktionäre fordern auch den Rücktritt von TNK-BP-Chef Dudley, der Russland bereits verlassen hat

Moskau - Im Eigentümerstreit rund um das britisch-russische Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP hat nun Finanzchef James Owen das Handtuch geworfen. Owen wird mit Ende August das Unternehmen verlassen, teilte TNK-BP mit. In einem Brief an TNK-BP-Chef Robert Dudley schrieb Owen, dass er aufgrund der Gegensätze zwischen den Aktionären seine Pflichten als Finanzdirektor nicht unparteiisch erfüllen könne. Owen war seit 2006 Finanzchef von TNK-BP.

Seit Monaten tobt zwischen den Eigentümern ein Streit um die Strategie und die Führung von TNK-BP. Der drittgrößte russische Ölförderer gehört jeweils zur Hälfte dem britischen Ölkonzern BP und der AAR Holding der russischen Oligarchen Viktor Wexelberg, Michail Fridman und Leonard Blawatnik.

Die russische Seite wirft TNK-BP-Chef Dudley vor, einseitig die Interessen des britischen Mutterkonzerns zu verfolgen und forderte daher die Absetzung des Briten. Ende Juli musste Dudley Russland verlassen, da die Behörden sein Visum nicht verlängerten. Er befindet sich derzeit an einem geheim gehaltenen Ort in Mitteleuropa, von wo aus er versucht, das Unternehmen weiterzuführen. Dudley warf den russischen Behörden eine Einschüchterungskampagne gegen sich selbst und das Unternehmen vor. Zuvor war TNK-BP ins Visier der russischen Steuer- und Einwanderungsbehörden geraten.

Krisentreffen

Bei einem Krisentreffen am Freitag zwischen BP-Chef Tony Hayward und TNK-BP-Aufsichtsratsvorsitzendem Michail Fridman sei eine Einigung erzielt worden, berichtete die russische Zeitung Wedomosti. Demnach müsse Dudley in vier bis sechs Monaten zurücktreten. Im Gegenzug werde Fridman den Sessel als Aufsichtsratschef räumen.

Artem Kontschin, Ölanalyst bei Unicredit Aton, sieht den Abgang Owens als ersten Schritt zu einer Streitbeilegung. Doch damit das Unternehmen zur Ruhe kommen könne, sei der Rücktritt Dudleys notwendig. Er erwartet, dass es noch länger dauern wird, bis sich die Eigentümer endgültig einigen werden. "Aber solange sich etwas bewegt und man aus der Blockade herauskommt, ist das gut für das Unternehmen", sagte Kontschin.

Beobachter spekulieren, dass die Oligarchen im Auftrag eines russischen Staatskonzerns wie Gazprom oder Rosneft handeln könnten, der bei TNK-BP einsteigen will. Das britisch-russische Gemeinschaftsunternehmen musste 2007 bereits seinen Anteil am sibirischen Gasfeld Kowykta an Gazprom abgegeben. Ein Rückzug aus Russland würde für BP eine große Niederlage bedeuten. Das Russland-Geschäft trägt rund ein Viertel zur Gesamtfördermenge des nach Exxon und Shell drittgrößten Ölkonzerns der Welt bei. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)

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