In Verruf gebracht

1. August 2008, 18:54
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Der Kampf gegen die Europäische Union fordert einem Einiges ab. Da will Protest organisiert sein, da muss man gelegentlich selbst schreiben ...

Der Kampf gegen die Europäische Union fordert einem Einiges ab. Da will Protest organisiert sein, da muss man gelegentlich selbst schreiben, dem einen oder anderen Politiker beibringen, wie er seinen Brief an den sehr geehrten Herrn Herausgeber formulieren soll, damit er die Wahlen doch noch gewinnen kann, und gäbe es nicht die treuen Leser, auf deren Briefe man sich verlassen kann, es wäre schier nicht zu bewältigen. Dann will noch Ex-Kanzler Franz Vranitzky ausgerechnet in dieser Zeitung eine Lanze für die EU brechen, was man nicht gut verweigern kann. Dabei ist doch völlig klar, was der EU fehlt: Herz und Gefühl. So droht uns durch die EU auch das verloren zu gehen, was wir Demokratie nennen. Aber weil Demokratie auch Diskussion bedeutet, bringen wir, hol's der Teufel, auch seine Meinung. Schreiben aber sicherheitshalber eine beruhigende Einleitung: Vieles von dem, was er sagt, wird täglich von der Redaktion der "Kronen Zeitung" widerlegt, und zwar nicht einfach so, sondern insgesamt millionenfach. In dieser Redaktion müssen wahre Teufelskerle sitzen, wenn sie einen Vranitzky nicht allein mit links, sondern gleich millionenfach widerlegen.

Und weil das alles nicht reicht und die SPÖ sich noch immer nicht zu einem Austritt aus der EU aufraffen kann, muss noch mehr getan werden. Da schlüpfte man in der bunten Wochenendbeilage wieder einmal - aus gegebenem Anlass - in das Pseudonym des Nazi-Chefredakteurs Erwin Togger, um aufzuzeigen, was die EU den Menschen schon wieder angetan hat: Sie hat durch das Öffnen der Ostgrenzen unüberlegt und vorschnell gehandelt. Denn wieder einmal kommt ein ganzes Volk, das es zwar im Laufe seiner Geschichte nie leicht hatte, es aber trotz aller Widrigkeiten und Anfeindungen verstanden hat, seine Eigenständigkeit großteils zu bewahren, durch Aktionen Einzelner, und man sollte davon ausgehen, dass es sich darum handelt, in Verruf. Bei diesem Volk handelt es sich um die Roma und Sinti, wie man die Zigeuner heute nennt.

Wieder einmal
? Wann zuletzt ein ganzes Volk in Verruf kam, weil die EU durch das Öffnen der Ostgrenzen unüberlegt und vorschnell gehandelt hat, vergaß der Autor leider mitzuteilen. Er weiß zwar: Eine ganze Volksgruppe wird durch die Taten Einzelner in Verruf gebracht, aber nur, wenn Sippenhaftung noch nicht außer Gebrauch ist. Es sei denn, er meinte, die Taten Einzelner bezögen sich auf jene kriminellen EU-Bürokraten, die durch das Öffnen der Ostgrenzen unüberlegt und vorschnell gehandelt und so die ganze Volksgruppe der Roma und Sinti, wie man die Zigeuner heute nennt, in Verruf gebracht haben.

Dazu braucht er aber nicht die EU, auch wenn er auf diese Art zwei der ihm unliebsamen Erscheinungen auf einen Schlag treffen kann. Die Einzelnen, die mit ihren Taten ihre ganze Volksgruppe in Verruf bringen, lässt er nämlich bei der ersten Gelegenheit im ganzen Volk aufgehen. Der angeborene Nomadendrang verhinderte wohl, dass sie ganz sesshaft wurden. Seit sie sich jedoch frei über viele Grenzen bewegen können, kamen ihnen Ideen, mit denen sie ihrer Umgebung keine Freude machen.

Betätigten sie sich früher als eher harmlose Besenbinder, Scherenschleifer und Musikanten - früher, als noch niemand auf die Idee gekommen ist, sie in Verruf oder gar in ein Konzentrationslager zu bringen -, entstanden in letzter Zeit jedoch international kleine Organisationen, die die Vermietung von Minderjährigen gegen Bezahlung betreiben. Noch schlimmer: Und nun sind in Deutschland, vor allem aber in Berlin, Roma und Sinti aufgetaucht, die sich neuerdings als Scheibenwischer betätigen. Und wehe, es sollte ein Autofahrer nicht großzügig genug sein. Da machen die Scheibenwischerinnen ihrem Unmut auf recht seltsame Weise Luft, beispielsweise indem sie die nicht ausreichend zahlenden Wartenden mit blutigen Damenbinden bewerfen. Daher auch gleich als Titel der Geschichte: Damenbinden als Wurfgeschoße.

Unerfreulich. Und Berlin praktisch wehrlos. Die Berliner Polizei hat wenig Chance. Unterm Hitler hätt's des net geb'n, dass eine ganze Volksgruppe durch die Taten Einzelner in Verruf gebracht wird, aber die EU macht's möglich: Allesamt berufen sich, ohnehin großteils aus Rumänien kommend, auf die EU-Mitgliedschaft ihres Landes. Da bleibt nur noch zu sinnieren: Viel lieber würden wir die Roma und Sinti mit den Zigeunerliedern von Johannes Brahms oder dem Zigeunerbaron von Johann Strauss assoziieren. Allenfalls noch als harmlose Besenbinder. Aber diese EU kann nur in Verruf bringen! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 2./3.8.2008)

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