"Kindern nicht die Kindheit nehmen"

30. Juli 2008, 19:12
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Weitgehend Absagen an Häupls Volksschulpläne kommen aus den Bundesländern

Wien - Außerhalb der Bundeshauptstadt findet man den Vorschlag von Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), den Beginn der Schulpflicht vom sechsten auf das fünfte Lebensjahr vorzuverlegen, wenig Anklang. Vorarlbergs Schul-Landesrat und amtsführender Präsident des Landesschulrates Siegi Stemer hält die Senkung des Schuleintrittsalters "nicht für notwendig". Michael Häupls Vorschlag sei nur "halb durchdacht", denn für schulreife Fünfeinhalbjährige gäbe es die Möglichkeit der Einschulung bereits heute. Stemer: "Wir müssen bei der frühpädagogischen Förderung das Kind mit all seinen Bedürfnissen im Fokus haben, es bestmöglich begleiten. Das Geburtsdatum alleine ist nicht aussagekräftig

Fünf Jahre Volksschule


Ähnlich sieht man die Situation in Oberösterreich. "95 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Kinder gehen in Oberösterreich in einen Kindergarten, haben also eine pädagogische Betreuung", erklärt Oberösterreichs Landeschulratspräsident Fritz Enzenhofer auf Standard-Anfrage. Im Vordergrund müssten pädagogische Konzepte stehen, "nicht die Frage, wohin man die Kinder verschiebt", so Enzenhofer. Und ganz allgemein dürfe man "den Kindern nicht ihre Kindheit nehmen".

In Oberösterreich plant man derzeit die Umsetzung eines Schulmodells, das nicht die Volksschule für Fünfjährige, sondern eine fünfjährige Volksschule vorsieht. "Wir sehen uns ab dem Schuljahr 2009/2010 einmal in mehreren Volksschulen in einer Testphase an, ob ein Übergangsjahr zur Haupt- oder Mittelschule sinnvoll ist", erläutert der oberösterreichische Landesschulratspräsident.

In Niederösterreich fühlt man sich von der aktuellen Volksschul-Debatte nicht betroffen. Bildungslandesrätin Petra Bohuslav (VP): "Die Frage nach früherem Schuleintritt stellt sich bei uns nicht, weil wir flächendeckend den Gratis-Kindergarten haben."

Gegen das Gleichsetzen von Kinderbetreuung und Bildung wehrt sich die steirische Landesrätin Bettina Vollath (SPÖ), die für Volksschulen und Kindergärten zuständig ist. Heute, Donnerstag, wird sie den Gratiskindergarten in der Steiermark präsentieren.

"Wichtig ist für mich vor allem, was in welcher Altersstufe passiert", so die Landesrätin zum Standard, "was dabei auf dem Türschild steht, ist zweitrangig." Von der tatsächlichen Vorverlegung der Schulpflicht um ein Jahr, ohne die Schulzeit insgesamt um dieses Jahr zu verlängern, halte sie aber nichts, sagt Vollath.

EU-Trend: Längere Schulzeit


Vielmehr mache das genaue Gegenteil pädagogisch Sinn. Anstatt zu überlegen, ob man die Jugendlichen ein weiteres Jahr früher als bereits jetzt vor Berufsentscheidungen stellt, gehe "EU-weit der Trend eher dahin, die Leute länger im Bildungssystem zu behalten". (spri, jub, mro, cms/DER STANDARD-Printausgabe, 31. Juli 2008)

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