Momente der Nicht-Überbrückung

29. Juli 2008, 17:58
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Mit Jan Lauwers "Das Hirschhaus" haben die Festspiele am Montag den Betrieb auf der Pernerinsel aufgenommen: Ein das Herz weitender Abend, der auch innerhalb der ihm zugehörigen Trilogie zu sehen ist

Hallein - Hirsche (aus Kautschukmaterial) fallen vom Schnürboden auf die Bühne und erzeugen beim Aufprall einschneidende Geräusche. Meist sind es nur Rümpfe mit baumelnden Beinstummeln. Die Geweihe hängen daneben auf Garderobehaken. So wird derzeit auf der Perner Insel in Hallein geschossen. Kautschuk-Schafe und weiteres Wild, auf schiebbaren Gestellen gestapelt oder wie zufällig geschlichtet, säumen den rückwärtigen Teil der hellen breiten Fläche im ehemaligen Industriebau, der seit Anfang der 90er-Jahre von den Salzburger Festspielen mit Verve als Spielstätte genützt wird.

Schauspielchef Thomas Oberender konnte für die vom Stadttheaterschmock unberührte und für außerformatige Theaterabende prädestinierte große Offbühne heuer den flämischen Künstler Jan Lauwers verpflichten, der mit seiner Needcompany und der Uraufführung von Das Hirschhaus an die Salzach zog.

Dieser dritte Teil seiner Trilogie Sad Face/Happy Face, zu der neben Der Lobstershop auch der überwältigende Abend Isabella's Room gehört, zog bei der Premiere am Montagabend eine helle Spur durch eine tieftraurige Geschichte, an deren Anfang der Tod eines Kriegsfotografen steht, des Bruders der Tänzerin Tijen Lawton.

Lauwers benennt als Thema Trauer und Verlust eines geliebten Menschen und betreibt Kunst als Mittel zur Distanzgewinnung. In einer Parallelführung von Märchen und Drama eröffnet Lauwers mehr und mehr unbekannte, vom Zuschauer selbst zu denkende Zwischenräume. Sie fächern sich auf. Er lässt auf choreografischer, bildlicher oder textlich-lyrischer Ebene märchenhafte Elemente (Menschen mit lächerlichen Hobbit-Ohren) mit der großen (griechischen) Tragödie (Szenen, die sich in chorischen Gesang auflösen) korrespondieren, um sie kurz vor ihrer Ineinanderführung doch für sich allein stehen zu lassen. Diese Momente der Nicht-Überbrückung beschäftigen den Betrachter.

Dem entspricht auch der Plot: In einem Hirschhaus in den kriegsversehrten Bergen führt eine Matrone (Viviane De Muynck) einen Familienbetrieb, der vom Verkauf der Hirschgeweihe lebt. Ein Kriegsfotograf bringt ihr die tote Tochter ins Haus (die Ankleideszene gehört zu den berührendsten Theatermomenten überhaupt); er selbst wurde gezwungen, sie zu töten, um das Leben ihrer eigenen kleinen Tochter zu schützen. Von hier an verzweigen sich im friedvollen Beisein der Kautschuk-Hirsche die möglichen Erzählstränge, die Rache oder Gnade vorsehen, Tod oder Leben, je nach Innehalten und Moment: Sad Face/Happy Face.

Hier beweist das Gesamtkünstlertum, das in Belgien einen guten Nährboden hat (siehe auch Jan Fabre), seine Entfaltungskraft. Seit über zwanzig Jahren steht die von Jan Lauwers und Grace Ellen Barkey gegründete Needcompany auf den Festival-Hitlisten. Und schon lange strahlt Jan Lauwers Kunst auf jetzige Regiestars wie Stefan Pucher, René Pollesch oder Michael Thalheimer aus. Sie weitet das Theater - und das Herz. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 7. 2008) 

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    Schlüsselszene in „Das Hirschhaus", Jan Lauwers Stück über Trauer: Die Mutter (Viviane De Muynck, re.) kleidet mit Yumiko (Yumiko Funaya) ihre tote Tochter (Inge Van Bruystegem) an.

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