"Republikaner haben ein Problem mit dem Internet"

29. Juli 2008, 13:40
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Der Link zwischen Blogs und Basis bescherte Barack Obama die Lufthoheit im Netz - Der deutsche Buchautor Tobias Moorstedt im derStandard.at-Interview

Keinen Monat nach dem verspielten EM-Finale fand die Berliner Fanmeile vergangene Woche ihr Lächeln wieder. Barack Obama lockte 200.000 Deutsche zur Siegessäule und gab den Weltretter zum Anfassen - in einem Wahlkampfevent ohne Wahlvolk. Der deutsche Journalist und Buchautor Tobias Moorstedt erklärt im Interview mit derStandard.at, warum die eigentliche Obama-Revolution nicht in der Atmosphäre seiner Wahlkampfauftritte, sondern in der Aktivierung der Blogosphere zu suchen ist.

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derStandard.at: Könnten solche Hautnah-Erlebnisse wie in Berlin schon bald der Vergangenheit angehören?

Tobias Moorstedt: Politik wird schon seit mindestens fünfzig Jahren vor allem medial vermittelt und aufgenommen. Der Unterschied zwischen einem Zeitungsleser, der im späten 18. Jahrhundert von einer Rede von Thomas Jefferson erfahren hat, und jemandem, der heute einen politischen Blog liest, ist gar nicht so groß. Die Potenzial des Internet ist vielmehr, die Leute auch im realen Leben zusammenzubringen. Recht viele der Leute, die in Berlin waren, sind wahrscheinlich deshalb dorthin gegangen, weil sie Barack Obama vorher schon auf youtube gesehen haben.

derStandard.at: Es scheint so, als würden vor allem US-amerikanische Liberale, allen voran Barack Obama, aber auch der unkonventionelle Republikaner Ron Paul, ihren Wahlkampf zum Teil ins Internet verlagern. Verlässt sich die US-Rechte lieber auf ihre klassische Hausmacht, etwa im (Talk-)Radio?

Tobias Moorstedt: Das Internet wird mittlerweile, egal wo eine Kampagne im politischen Spektrum verortet ist, in den Mediamix eingebaut. Warum Obama und Paul, aber zum Beispiel auch (der Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, Anm.) Howard Dean 2004, eine so große Anhängerschaft im Internet gesammelt haben, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass sie sogenannte "Insurgent Candidates" waren, die mit eigenen politischen Vorstellungen als Außenseiter gegen etablierte Gegner antreten und deswegen eine sehr engagierte Minderheit ansprechen, die sich von den Mainstream-Parteien nicht gehört fühlen.

Ich habe aber in Washington von Politikberatern und Politikern auch oft gehört, dass die Republikaner ein Problem mit dem Internet hätten. Das liege daran, dass sie in der Vergangenheit mit den klassischen Medien großen Erfolg hatten und ihre Message lieber top-down an die Leute bringen, ohne die Kontrolle über die Informationen zu verlieren, wie es im Internet leicht passieren kann.

derStandard.at: Auf der Online-Plattform Facebook finden sich mehrere hundert Pro-Obama-Gruppen, aber auch fast ebenso viele Gruppen mit Namen wie "A Vote for Obama won't Stop Osama!". Ist diese Polarisierung eine Folge oder eine Ursache des intensiven Netz-Wahlkampfs?

Tobias Moorstedt: Es ist sehr einfach, sich im Internet eine Medienumwelt aufzubauen, wo man mit keinen Informationen konfrontiert wird, die man nicht hören will. Informationen, die man nicht hören will, kann man im Internet einfach wegfiltern. Wenn man meinetwegen in der konservativen Blogosphere surft, wird man zum Beispiel kaum lesen, Universal Health Care wäre eine gute Sache. Im Fernsehen kommt es viel öfter zu kognitiven Dissonanzen, wo man Dinge hört, die man ablehnt oder bisher nicht wusste. Im Internet wird die Meinung des Nutzers meist nur bestätigt, was zu einer gewissen Radikalisierung führt.

derStandard.at: Worin liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied zu früheren Wahlkämpfen, etwa jenem des 2004 unterlegenen Demokraten John Kerry?

Tobias Moorstedt: John Kerry hat viel und erfolgreich Fundraising im Internet betrieben, hat von den Menschen sozusagen aber nur das Geld genommen und sonst einen recht herkömmlichen Wahlkampf geführt. Kerry hat die neuen Medien genutzt um Geld zu generieren, das er nachher wieder in die alten Medien gesteckt hat, zum Beispiel in Fernsehkampagnen oder Direct Mail.

Obama hingegen baut nicht nur eine virtuelle Gemeinschaft auf, die mittlerweile enorm groß ist und viele Millionen Menschen in den Web 2.0-Plattformen umfasst, sondern verbindet das auch mit traditionellen Formen der Basisarbeit, ohne dass man in einer lokalen Ortsgruppe Mitglied sein muss. Etwa wenn sich auf mybarackobama.com Freiwillige melden, um Last-Minute-Telefonanrufe an Wähler durchzuführen.

Man kann sich dort eintragen, bekommt von der Software eine Liste mit Telefonnummern und einen Gesprächsleitfaden und kann sich so wirklich als Aktivist beteiligen. Obama schafft damit die Verbindung von Laptop und Flugblattstand in der Fußgängerzone, das ist, was das Konzept so neu macht.

derStandard.at: Erreicht Obama mit seiner intensiven Internet-Kampagne nicht nur Menschen, die sich seiner Partei ohnehin nahe fühlen?

Tobias Moorstedt: Das stimmt sicher, es gibt Untersuchungen, die darauf schließen lassen, dass vor allem Leute, die die Werte der Demokraten teilen, auch deren Website besuchen. Deswegen ist es auch so ein kluger Schachzug von Obama, eben nicht nur seine Positionen dort zu verbreiten und so zu tun, als könnte man auch ein paar Republikaner überzeugen, sondern das Internet auch dazu zu benutzen, seine Anhänger zu organisieren und zusammenzubringen. Er instrumentalisiert so die soziale Komponente des Internet und macht nicht nur digitale Versionen von Wahlkampfplakaten.

derStandard.at: Mehr als eine Millionen Menschen haben sich auf mybarackobama.com registriert, ein Gutteil der Spenden, die Obama für seinen Wahlkampf braucht, kommt online in die Kassen seines Wahlkampfteams. Entscheidet das Internet künftig auch über die finanzielle Ausstattung einer Kampagne?

Tobias Moorstedt: Das hat man schon 2004 gesehen, als Howard Dean mithilfe des Internets vom letzten Platz innerhalb eines halben Jahres zum reichsten und einflussreichsten Kandidaten geworden ist, auch wenn das Ende natürlich weniger glücklich war. Aber auch auf regionaler und lokaler Ebene spielt das Internet eine große Rolle, auch wenn darauf weniger geachtet wird als im Präsidentschaftswahlkampf. Viele Blogs gerade in der linksliberalen Blogosphere haben es sich zur Aufgabe gemacht, linken oder unabhängigen Kandidaten etwa einen Abgeordnetenposten in Ohio zu verschaffen.

Aber natürlich macht Technologie nicht alleine die Wahlkampfkassen voll, wie mir Technologieberater in Washington gesagt haben. Es muss auch immer einen Kandidaten geben, der die Leute dementsprechend motiviert und anregt. Das Internet ist nicht mehr als ein Vehikel. (Florian Niederndorfer/derStandard.at, 29.7.2008)

Zur Person: Der freie Journalist Tobias Moorstedt wurde 1977 in München geboren und arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Standard sowie für das Jugendmagazin Neon. Im September 2008 erscheint, rechtzeitig vor den US-Wahlen, seine Reportage "Jeffersons Erben - Wie die digitalen Medien die Politik verändern" im Suhrkamp-Verlag. Moorstedt verbrachte fast drei Monate in Washington und sprach unter anderem mit Politikern, deren Beratern, Bürgerjournalisten und jungen Texanern, für die das Internet ein Schlupfloch zu liberalen Ideen bedeutet.

  • "Obama schafft die Verbindung von Laptop und Flugblattstand in der Fußgängerzone, das ist, was das Konzept so neu macht."
    Foto: Standard

    "Obama schafft die Verbindung von Laptop und Flugblattstand in der Fußgängerzone, das ist, was das Konzept so neu macht."

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