Nach über 30 Jahren wirkt sich das Seveso-Unglück immer noch aus

29. Juli 2008, 17:39
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Studie von italienischen und US-amerikanischen Forschern: Kinder in der betroffenen Region zeigen veränderte Schilddrüsenfunktion

Rom/San Francisco - Auch mehr als 30 Jahre nach dem verheerenden Chemie-Unfall in der oberitalienischen Stadt Seveso haben Kinder in der Region eine veränderte Schilddrüsenfunktion: Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam aus Italien und den USA rund um den Spezialisten Andrea Baccarelli von der Universität Mailand. Die Studie wurde jetzt im US-Fachjournal "PLoS Medicine" veröffentlicht. Im Rahmen der Untersuchung wurden jahrelang tausende Frauen (sowie ihre Kinder) beobachtet, die in unterschiedlicher Entfernung zu der Chemiefabrik lebten, als 1976 das hochgiftige Dioxin austrat. Die Umwelt wurde damals weiträumig vergiftet. Tiere starben, Anrainer erkrankten.

Die Teilnehmerinnen wurden in drei Gruppen unterteilt: 1.772 Frauen, die zum Zeitpunkt des Unfalls in unmittelbarer Nähe der Anlage (Gruppe A) oder in einer etwas weiter entfernten, aber ebenfalls belasteten Gegend (Gruppe B) lebten, wurden verglichen mit weiteren 1.772 gleich alten Frauen aus nicht vergifteten Orten (Gruppe C). Die Frauen bekamen von 1994 bis 2005 insgesamt 1.014 Babys. Die Forscher untersuchten den TSH-Wert im Blut der Kinder (TSH ist ein Steuerhormon, das die Schilddrüse anregt). Ist der TSH-Wert zu hoch, kann die Schilddrüse schwere Schäden davontragen und sich nachhaltig auf die Entwicklung des Kindes auswirken.

TSH-Werte korrelieren mit seinerzeitigem Lebensort der Mütter

Das Team fand in der Gruppe A rund sechsmal häufiger Kinder mit stark erhöhten TSH-Werten. Etwa jedes sechste Kind (16,1 Prozent) war dort betroffen, in der unbelasteten Vergleichsgruppe C war es nur rund jedes 36. Kind (2,8 Prozent). In Gruppe B hatte immerhin noch rund jedes 20. Kind (4,9 Prozent) erhöhte TSH-Werte. Diese Beobachtungen ließen den Schluss zu, dass die direkte Vergiftung von Frauen mit 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) - wie in Seveso geschehen - auch nach vielen Jahren noch immer schädigende Auswirkungen auf deren Kinder haben kann, betonen die Wissenschaftler.  (APA/dpa)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Archivbild der verantwortlichen Fabrik aus dem Jahr 1976

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