Auf der Suche nach dem Sandmännchen

27. Juli 2008, 23:07
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Seit der "Traumdeutung" von Sigmund Freud wird über Ursprung und Bedeutung der nächtlichen Erlebnisse gestritten

Der Titel war schlicht, die Wirkung enorm: 1899 veröffentlichte Sigmund Freud seine "Traumdeutung". Nach seiner These durchlebt der Mensch im Traum unbewusste Wünsche. Seither wird heftig über Ursprung und wahre Bedeutung der nächtlichen Erlebnisse gestritten.

Entdeckung der REM-Phasen

Fünfzig Jahre später entdeckte Nathaniel Kleitman von der Universität Chicago die REM-Phasen, in denen gesunde Schläfer hinter den geschlossenen Lidern heftig mit den Augen rollen - REM steht für Rapid Eye Movement. Weckte Kleitmann seine Probanden während einer REM-Phase, berichteten fast alle, gerade geträumt zu haben.

Tiefliegend vorsortiert

Zwanzig Jahre später waren die Hirne noch genauer vermessen: Das REM-auslösende Zentrum war im entwicklungsgeschichtlich uralten Hirnstamm lokalisiert. Von hier aus wird der Botenstoff Acetylchlorin ausgeschüttet, der auch entferntere Hirnregionen, etwa das für Gefühle zuständige Limbische System, aktiviert.

Der US-Neurologe Allan Hobson erklärte sich das so: Das primitive REM-Zentrum wird aktiv, daraufhin versuchen die höheren Hirnregionen, aus den sinnlosen Signale eine einigermaßen plausiblen Geschichte zu schustern. Das passt auch zur Signalverarbeitung im Wachzustand: Sinneseindrücke werden zunächst von tief liegenden Hirnarealen vorsortiert, mit Erinnerungen und Gefühlen verknüpft und dann zur weiteren Verarbeitung in die Hirnrinde geschickt.

Traumdeutung - zerebraler Datenmüll?

Nach dieser neuen Theorie würden Traumdeuter also keineswegs den Königsweg ins Unterbewusste beschreiten, sondern lediglich im zerebralen Datenmüll herumstochern. Doch die Forschungen gingen weiter. 1982 beschrieben israelische Schlafforscher den Fall eines allnächtlich von schlimmen Albträumen geplagten Mannes. Sie fanden heraus, dass ein kleiner Granatsplitter just den REM-Auslöser im Hirn zerstört hatte. Rätselhafte Folge: Der Mann durchschlief zwar keine einzige REM-Phase, träumte aber dennoch. Spätestens jetzt war klar, dass es nicht nur REM-Träume gibt.

Phänomen: Traumlose Menschen

Der südafrikanische Hirnforscher Marc Solms griff den Gedanken auf und fand in der Fachliteratur Geschichten von rund einhundert absolut traumlosen Menschen. Deren REM-Zentren waren unversehrt, sie hatten jedoch durch Verletzungen oder Krankheit Schädigungen in ganz anderen Regionen davon getragen - entweder über den Augenhöhlen oder hinter und über den Ohren. Hier sitzen Schaltstellen für Gedächtnis, Gefühle und Motivation.

Solms entwickelte daraus seine eigene Traumtheorie: Demnach sind es höhere Hirnregionen, die im Schlaf aktiv werden. Die so entstehenden Signale werden von den gleichen Hirnregionen verarbeitet, wie Sinneseindrücke im Wachzustand - nur eben in umgekehrter Reihenfolge.

Umstrittene Theorie

Die Theorie ist umstritten, doch für eine Rehabilitation von Freuds Traumdeutung reicht sie allemal: Wenn nämlich hochentwickelte Hirnregionen die Quelle von Träumen sind, dann macht die Analyse der nächtlichen Geschichten und Bilder doch wieder Sinn. (Gottfried Derka, MEDSTANDARD, Printausgabe, 28.07.2008)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rekonstruktion der berühmten Couch von Sigmund Freud

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