Die purpurnen Füße

27. Juli 2008, 19:05
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Bernhard Kohl hat die Tour de France zwar nicht gewonnen, aber... von Johann Skocek

... er hat einem Sport Aufmerksamkeit und Sympathie verschafft, der als Tummelplatz von Drogenabhängigen gilt und ständig in Gefahr ist, die schlimmste Strafe des Medienzeitalters zu erhalten, nämlich aus dem Programm gestrichen zu werden.

Im Film "Die purpurnen Flüsse" kommt der von Jean Reno gespielte Inspektor Niemans einem Irren auf die Spur, der mithilfe eines alten Buches das Geheimnis übermenschlicher Kräfte entschlüsseln will, um mit deren Hilfe und einem geheimen Männerbund mindestens die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Die Hysterie um die Dopingvergehen und die Kriminalisierung der "Sünder" knüpft an diese archetypischen Geschichten an. Doping repräsentiert die dunkle Seite des Sports, dessen Werte der Selbstbestimmung und der Anbetung der Naturwissenschaft zum Teil aus der Aufklärung stammen. Die im 17. Jahrhundert beginnende geistige Bewegung setzte den Menschen zum Vorbild seiner selbst, die Vernunft löste den Glauben als Orientierungsmittel ab, und das Bürgertum machte dem Adel dessen "gottgegebene" Führungsrolle streitig.

Doping könnte als die intelligenteste Methode eines selbstbestimmten Bürgers, des Sportlers, angesehen werden. Doch jeder Dopingfall ist ein Vergehen gegen den neuen Glauben des Menschen an sich. Die Kriminalisierung von Tätern und Helfern ist also eine gesetzliche Maßnahme auf der Basis eines quasireligiösen Dogmas. Und das im aufgeklärten Westen! (Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 28.7. 2008)

 

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