Zu nahe an der Sonne

27. Juli 2008, 18:24
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Seine erfolgreiche Reise macht Barack Obama Sorgen, er weiß: All politics is local

Barack Obamas gecharterte Boeing 757 hatte am Sonntag noch gar nicht in Chicago aufgesetzt, da schossen die Republikaner schon scharf auf den Spitzenmann der Demokraten: Obama habe in Deutschland zwar Zeit gefunden, ins Fitnessstudio zu gehen. Für einen Besuch bei den verwundeten Soldaten im US-Lazarett in Landstuhl aber habe es nicht gereicht, ätzten John McCains Unterläufel. Gleichzeitig ließ der republikanische Präsidentschaftsbewerber erstmals wirklich angriffige TV-Spots schalten, die seinen Rivalen als sicherheitspolitisches Weichei darstellten.

Senator Obama war zurück im harten Wahlkampf auf amerikanischem Boden. In Bagdad mochte er mit der Zustimmung des irakischen Premiers zu seinem Abzugszeitplan die politisch bedeutendste Aussage des Trips bekommen und bei seiner Rede vor den Berliner Massen einen symbolischen Höhepunkt gesetzt haben. Aber die Fragen, die sich viele Beobachter nach dieser globalen Wahlkampfveranstaltung mit Nachdruck stellen, lauten: Was ist die Tour denn nun in den Vereinigten Staaten wert? Und wird die Reise, die der Demokrat so eindrucksvoll wie fehlerlos meisterte, auch dort einen politischen Effekt haben?

Gelten Meinungsumfragen als Maßstab, ist es noch zu früh, ein Urteil zu fällen. Obama lag zuletzt mit dem Abstand vor seinem Gegner, der schon seit einigen Wochen gemessen wird. Allerdings rechnete der Senator selbst noch auf seiner letzten Etappe in London mit einem möglichen Knick in seinen Beliebtheitswerten. Ja, sagte er Reportern dort, er sehe das Risiko, „zu nahe an der Sonne zu fliegen".

Diese Befürchtungen hat er wohl nicht zu Unrecht. Denn: „All politics is local." Über diesen Grundsatz können auch 200.000 Deutsche nicht hinwegtäuschen, die ihrem Politmessias enthusiastisch vor der Berliner Siegessäule zujubelten.

Das weiß auch Obama - wer im Mittleren Osten überzeugt, der gewinnt damit im Mittelwesten noch lange keine Wahlen. So gesehen tat John McCain, was er in einem ihm nicht eben freundlich gesinnten Medienumfeld tun konnte: Er setzte auf lokale Themen, die den Amerikanern eher unter den Nägeln brennen als das transatlantische Verhältnis: die Treibstoffpreise, die Hypothekarzinsen und natürlich das Schicksal ihrer Verwandten bei den US-Streitkräften.

Das wird bei vielen Wechselwählern und Unentschlossenen - und vor allem um die geht es auch in diesem Wahlkampf - mindestens so gut ankommen wie Obamas Versuch, das Ansehen der USA in der Welt wiederherzustellen. So gesehen mag auch McCain besser dastehen, als ihn die Berichterstattung der US-Medien zuletzt aussehen ließ - die Networks unterbrachen die Live-Übertragung einer seiner Reden sogar, um die Rettung eines putzigen kalifornischen Bärenjungen vor den dortigen Waldbränden zu melden.

Andererseits ist Barack Obama ein viel zu talentierter Politiker, um in dieser Situation hochmütig zu werden. „Wir nehmen doch unseren eigenen Hype nicht für bare Münze", sagte er den mitreisenden Journalisten, als er mit seiner „Obama One" am Wochenende über den Ärmelkanal flog. Und: „Wir schauen stets um die nächste Ecke."

Und dort sind die große Wahlkampfreise, die großen Auftritte des Senators vor der Weltöffentlichkeit schon wieder Geschichte. Denn in den kommenden Wochen bis zu den Nominierungsparteitagen wird es um die Frage gehen, wer denn Vizepräsidentschaftskandidat bei Demokraten und Republikanern wird.

Alle Politik spielt sich im Lokalen ab? Das gilt für das kurzweilige Vizepräsidentensuchspiel allemal. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2008)

 

 

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