Lebenspraller Mörder aus Romanpapier

27. Juli 2008, 18:23
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Dunkel und bedeutungsschwer, aber über alle Maßen gelungen: Andrea Breth inszenierte Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" festspielwürdig im Salzburger Landestheater

Salzburg - In Fjodor Dostojewskis großem Roman Verbrechen und Strafe kann nur derjenige eine Bühnenvorlage erblicken, für den Argumente schwerer wiegen als die Figuren, die sie zum Vortrag bringen. Der Hauptheld dieser viele hundert Seiten dicken Versuchsanordnung, an deren Ende ein vorsätzlicher Mörder (Rodion Raskolnikow) seine hässliche Tat zwar nicht bereut, aber doch seine Herrenmenschen-Ideologie in die Schranken gewiesen sieht - er liegt auf der Bühne des Salzburger Landestheaters zumeist seitlich hingestreckt, als würfe ihn das schmerzliche Bewusstsein seiner selbst geradewegs hin auf den steinkalten Boden der Tatsachen.

Dokument der Moderne

Raskolnikow ist in Andrea Breths rund fünfstündiger Bühnenlesart eines der schmerzlich-schönen Gründungsdokumente der Moderne - eben von Verbrechen und Strafe, wie Schuld und Sühne (1866) nunmehr richtigerweise heißt - bloß ein schmaler, blasser Strich.

Der ewig jungenhafte Jens Harzer, der einen gewesenen, völlig mittellosen Studenten spielt, der eine Wollmütze trägt und durch die Welt von Sankt Petersburg wie ein somnambuler Irrer taumelt, der mit seinen gaumigen Sätzen eine dunkle, aus Heiligen, Huren und Hochstaplern chaotisch zusammengeklitterte Welt wie mit einem besonders biegsamen Florett durchbohrt, ist denn auch das schlagendste Argument für diese völlig aus der Zeit gefallene Festspiel-Unternehmung.

Regisseurin Andrea Breth hat bekanntlich selbst aus 750 Romanseiten eine Bühnenfassung destilliert - mit Dimitré Dinev konnte sie sich dann doch auf keine Kooperation einigen. Auf der Grundlage von Swetlana Geiers kristallklarer Übersetzung ist auch kein wirkliches Stück entstanden, sondern ein atemloser Fiebertraum, der, eher blass angeleuchtet denn regelrecht illustriert, Raskolnikows Hetzjagd durch die Kellerverliese seiner Einbildungskraft im Vollzugstempo einer besonders gewissenhaften Dostojewski-Diplomdozentin absolviert.

Wer von dem Buch kaum jemals etwas gehört hat, kann - und wird! - ratlos vor einem Abend stehen, der vor allem zu Beginn der Aufführung die Buchszenen atemlos herunterstottert.

Aber welcher Mut zur Gemütsverfinsterung: zur Aufdeckung verschwiegener Seelenbezirke. Die wahre "Hauptfigur" dieser superben Produktion ist die Selbstqual: der enorme Hang zur Grübelei, die sich auch nicht darüber befragen lassen will, ob sie denn als "produktiv" anzusehen sei.

Bühnenbildner Erich Wonder etwa hat sich der Verpflichtung zum Sankt Petersburger Kolorit leichthändig entschlagen. Verschmierte Striche bilden die Straßenlaternen ab. Kellerlochprospekte mit Schlitzen deuten die Verschläge an, in denen die Erniedrigten und Beleidigten hausen. Türen wirken kurzerhand ausgehängt, als würden Riesen - Raskolnikows amoralische "Übermenschen" - alsbald auftauchen, um eine aus den Fugen geratene Welt endgültig kaputtzutrampeln.

Robert-Wilson-Fantasie

Und durch diese ekelhafte Albtraumwelt schlurft nun Raskolnikow wie ein hochsensibler Schlafkranker. Streckt eine Pfandleiherin (Elisabeth Orth) und deren Schwester mit dem Hackebeilchen nieder - in einer Sequenz, die als groteske Zerstückelungsfantasie direkt aus der Buntpapierfabrik von Robert Wilson stammen könnte. Er tut es, um seinen freien Willen zu testen. Raskolnikow möchte sich beweisen, keine "Laus", sondern ein vollkommen souveräner Mensch zu sein. Polizisten treten auf den Plan, erstarren wie Spielsteine im blakenden Licht der Polizeibüros - oder sie versetzen mit draller Gemütlichkeit und lauernden Äuglein den ohnedies gehetzt wirkenden Mörder als Untersuchungsrichter (Udo Samel) in ein wahres Delirium der Täuschung und Selbstpreisgabe.

Nicht alle Handlungsstränge dieser Unternehmung sind mit derselben Plastizität herauspräpariert. Raskolnikows erschütternder Traum etwa vom totgeprügelten Pferdchen wird zum etwas bedeutungsfetten Schlachtenbild mit Tierkadavern. Dostojewskis Frauenfiguren, oft nur mühsam in Papier gewickelte Andachtsbildchen, verströmen sehr viel weißleinernen Liebreiz (Birte Schnöink als "Erlöserin" Sonja), oder sie müssen, wie Marie Burchard als Raskolnikow-Schwester Dunja, für Inzestfantasien herhalten, die Dostojewskis angenehme Zurückhaltung in erotischen Dingen reichlich schnöde überinstrumentieren.

Aber zählen diese Einwände wirklich angesichts einer Konzentrationsleistung, die Breth und ihrem Ensemble so niemand nachmacht? Sven-Eric Bechtolf gibt den liederlichen Gutsbesitzer Swidrigajlow im Staubmantel und mit Borsalino als neurasthenischen Erotik-Connaisseur im Rausch des handschuhabstreifenden Selbstekels. Er kanzelt Raskolnikow ab, ehe er sich eine Kugel in den Kopf jagt. Wolfgang Michael gibt als Luschin, Verlobter von Raskolnikows Schwester, den gaumigen Administrator der eigenen, unerfüllbaren Sehnsüchte mit weichem Rückgrat - was für Proben auf die Lebenskunst des Verlierens! Alle geben hier alles.

Und darum ist Breth, wie es dieser Regisseurin nun einmal geziemt, ein fantastischer Ausflug in ein verwunschenes Land geglückt. Mit Jens Harzer, dem "Mörder", als Bruder von uns allen. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 7. 2008)

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    Rodion Raskolnikow (Jens Harzer) im Clinch mit Schwester Dunja (Marie Burchard) - Erlösung winkt dem Mörder aber durch Sonja (Birte Schnöink).

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