Gelber Sastre in Paris, Kohl Dritter

27. Juli 2008, 21:09
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Der Spanier gewinnt die 95. Tour de France vor dem Australier Cadel Evans, Bernhard Kohl fährt als zweiter Österreicher aufs Podest - Belgier Steegmans siegt auf Champs Elysees

Paris  - Es ist nichts mehr passiert, auf der Jubelfahrt nach Paris. Carlos Sastre hat am Sonntag die 95. Auflage der Tour de France gewonnen. Der 33-jährige Spanier vom Team CSC-Saxo Bank verwies im Gesamtklassement den Australier Cadel Evans (Lotto) um 1:05 Minuten und  Bernhard Kohl (Gerolsteiner) um 1:13 Minuten auf die Plätze. Sastre ist der dritte spanische Gesamtsieger in Folge beim wichtigsten Radrennen der Welt.

Kohl fuhr als zweiter Österreicher nach Adolf Christian, 1957 ebenfalls Dritter, in Paris auf das Podest. Der 26-Jährige gewann außerdem als erster österreichische Radprofi das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers. Die Schlussetappe auf den Champs Elysees holte sich der Gert Steegmans (Quick Step) im Massensprint, der erste Etappensieg eines Belgiers bei der Tour '08.

Punkte allüberall

Auf den letzten 143 Kilometern von Etampes nach Paris bestand die Welt Kohls und seines Teams Gerolsteiner nur noch aus roten Punkten. Der gesamte Betreuerstab vom Buschauffeur bis zum Masseur war eingekleidet in Bergtrikots daher, Teams-Autos und Busse waren mit Pünktchen beklebt.  Die ersten 100 Kilometer gerieten für die Besten zum Triumphzug, es wurde geplaudert und gescherzt. Kohl holte sich bei der Bergwertung der vierten Kategorie standesgemäß Platz eins - mit Zustimmung des gesamten Feldes und zusätzlichem Schwung durch Anschieben von seinem Landsmann Bernhard Eisel.

Erst auf den zehn Runden auf den Champs Elysees, ging es ernsthaft zur Sache. Steegmans, der 200 Meter vor dem Ziel aus dem Windschatten eines Teamkollegen unwiderstehlich antrat, feierte im Massensprint vor dem Deutschen Gerald Ciolek seinen zweiten Etappensieg bei der Tour und den ersten für das Team Quick Step bei der heurigen Auflage.

"Um den Sieg fahren"

Für Kohl gingen vor den Augen seiner Mutter, die einen Ehrenplatz auf der Präsidententribüne bekommen hatte, drei atemberaubende Wochen zu Ende. "Das ist ein absoluter Traum, die Erfolge hätte ich in dieser Dimension nie erwartet", sagte er nach dem entscheidenden Zeitfahren. Und steckte sich die Ziele für die nächsten Saisonen noch höher: "Die besten Jahre liegen noch vor mir. Mein Ziel muss sein, in den nächsten zwei bis drei Jahren um den Sieg mitzufahren."

Kohls Vertrag bei Gerolsteiner, dessen bisheriger Hauptsponsor sich zurückziehen wird, läuft mit Saisonende aus. Angebote diverser Rennställe liegen bereits vor, doch Kohl will dem Rennstall von Manager Hans Michael Holczer die Treue halten, sollte dieser in letzter Minute doch noch einen neuen Geldgeber finden. Eine diesbezügliche Entscheidung sollte noch in dieser Woche fallen.

 Kohl fuhr  rund 130.000 Euro Preisgeld für die Mannschaftskasse ein (100.000 für den dritten Gesamtrang, 25.000 für das Bergtrikot) - sein "Kilometergeld" von rund 35 Euro klingt für die dreiwöchigen Strapazen dennoch bescheiden. Die Startgelder in den acht oder neun Kriterien der zwei kommenden Wochen bringen jedoch ein schönes Zubrot.

Gelb im achten Anlauf

Sastre durfte nach seiner achten Tour erstmals und begleitet von seinen zwei Kindern in Paris im Gelben Trikot jubeln. "Don Limpio" (Saubermann), wie er von spanischen Medien genannt wird, kommt zwar aus dem Team des in die spanische Blutdoping-Affäre verwickelten Manolo Saiz, hat aber selber keinen Fleck auf seiner Weste. "Ich bin sauber. Ich weiß, was ich geleistet habe und wie ich gelitten habe, um dorthin zu kommen, wo ich jetzt stehe. Aber es wird wie überall in der Gesellschaft immer Leute geben, die betrügen. Gegen sie müssen wir kämpfen", sagte der Sieger.

Evans, dem Vorjahres-Zweiten, gelang die zuvor zweimal geschaffte Halbierung seiner Endplatzierung diesmal nicht. Der Schritt auf das oberste Podest war dem Australier erneut zu groß. Der zweifache Gewinner der Österreich-Rundfahrt war überrascht über die Leistungen von Sastre und Kohl im Zeitfahren. "Ich habe bei der ersten Zwischenzeit geglaubt, ich sei gut unterwegs, aber als ich die Marke von Kohl gehört habe, war ich verblüfft."

Vierter Dopingfall

Ein neuer Dopingfall wurde am Schlusstag auch noch bekannt. Der Kasache Dmitrij Fofonow wurde nach der 18. Etappe positiv auf ein verbotenes Stimulanzmittel getestet. Der 31-Jährige vom Team Credit Agricole hatte die Tour auf dem 19. Gesamtrang beendet, er wurde von seinem Arbeitgeber umgehend entlassen.(APA/red)

Ergebnis 21. Etappe: Etampes - Paris, Champs Elysees (143 km):

1. Gert Steegmans (BEL) Quick Step 3:51:38 Std. - 2. Gerald Ciolek (GER) Columbia - 3. Oscar Freire (ESP) Rabobank - 4. Robbie McEwen (AUS) Silence-Lotto - 5. Thor Hushovd (NOR) Credit Agricole - 6. Julian Dean (NZL) Garmin - 7. Stefan Schumacher (GER) Gerolsteiner - 8. Robert Förster (GER) Gerolsteiner - 9. Leonardo Duque (COL) Cofidis - 10. Robert Hunter (RSA) Barloworld, alle gl. Zeit. Weiter: 24. Cadel Evans (AUS) Silence-Lotto +0:07 Min. - 26. Bernhard Kohl (AUT) Gerolsteiner, gl. Zeit - 62. Carlos Sastre (ESP) CSC-Saxo Bank +0:14 - 141. Bernhard Eisel (AUT) Columbia 1:08

Endstand Bergwertung: 1. Kohl 128 Punkte - 2. Sastre 80 - 3. Fränk Schleck 80 - 4. Thomas Voeckler (FRA) Bouygues Telecom 65 - 5. Sebastian Lang (GER) Gerolsteiner 62

Endstand Punktewertung: 1. Freire 270 Punkte - 2. Hushovd 220 - 3. Erik Zabel (GER) Milram 217 - 4. Duque 186 - 5. Kirchen 155

Endstand Jungprofis (unter 25 Jahre): 1. Andy Schleck (LUX) 88:04:24 Std. - 2. Roman Kreuziger (CZE) Liquigas +1:27 Min. - 3. Vincenzo Nibali (ITA) 17:01

Endstand Mannschaftswertung: 1. CSC-Saxo Bank 263:29:57 Std. - 2. AG2R-La Mondiale +15:35 Min. - 3. Rabobank 1:05:26 Std. Weiter: 7. Team Columbia (Eisel) 1:23:00 - 9. Gerolsteiner 1:27:40

Kämpferischster Fahrer: 1. Sylvain Chavanel (FRA) Cofidis

 

 

 

Chronologie

1931 Max Bulla gewinnt drei Etappen der Tour de France. Er triumphiert in Dinan (zweite Etappe), Marseille (12.) und Aix-les-Bains (17.). Bulla trägt zudem als erster Österreicher für einen Tag das gelbe Trikot des Führenden. In der Gesamtwertung landet der Wiener auf Rang 15. Bulla stirbt 1990 mit 84 Jahren in Pitten.

1957 Adolf Christian beendet die Tour ohne Etappensieg an der dritten Stelle. Der Wiener muss sich nur dem Franzosen Jacques Anquetil bei dessen erstem von fünf Triumphen sowie dem Belgier Marcel Janssens geschlagen geben. Christian stirbt 1999 mit 64 Jahren in Wien.

1979/80 Gerhard Schönbacher wird zweimal Letzter. Der Steirer vermarktet die "Rote Laterne" höchst erfolgreich. Später wird er Manager (u. a. von Bernhard Kohl) und Veranstalter von Radrennen.

1996 Peter Luttenberger belegt nach seinem Sieg bei der Tour de Suisse in Frankreich Platz fünf. Im Jahr darauf wird der Steirer 13. Luttenberger ist Geschäftsmann.

2005 Georg Totschnig feiert auf der Pyrenäen-Etappe nach Ax-3-Domaines den ersten österreichischen Etappensieg seit Bulla. Im Jahr davor belegte der Tiroler Gesamtrang sieben. Totschnig werkt in der Immobilienbranche.

2008 Bernhard Kohl gewinnt bei seiner zweiten Tour de France als erster Österreicher ein Spezialtrikot. Der Niederösterreicher wird Bergkönig und kommt als Gesamtdritter in Paris an. (red)

 

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    Das Podest: Evans, Sastre, Kohl.

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