Netzgeflüster auf gleicher Augenhöhe

27. Juli 2008, 10:50
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Österreichs Parteien bewegen sich noch recht unbeholfen im Internet - Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, das Medium zu nützen, wie eine Aktion der Grünen zeigt

In den USA zieht Barack Obama alle Register des Internetwahlkampfs. Da werden Youtube-Videos gedreht, Myspace-Seiten eingerichtet, Blogger eingebunden und Onlinemedien gezielt mit Infohäppchen gefüttert. In Österreich ist das Netz für die meisten Parteistrategen noch eher eine lästige Nebenbühne, für die Werber ein vernachlässigbarer Part im Medienmix.

Verschlafenes Österreich

Hat Österreichs Politik die Bedeutung des Internet noch nicht erkannt? Flooh Perlot, Politikwissenschafter an der Uni Krems, beschreibt den Stellenwert so: "Keine Partei kann es sich leisten, darauf zu verzichten, aber der Focus liegt woanders". Die österreichischen Parteien würden das Internet eher als Distributionsmedium denn als interaktives Medium benützen, meint er. Es gehe also eher um die schnelle Verteilung von Informationen als um die Einbindung potenzieller WählerInnen.

Grüner Internet-Wahlkampf

Offensiver gehen die Grünen mit dem (nun auch nicht mehr so) neuen Medium um. Sie würden sich im Wahlkampf erneut auf das Schlachtfeld Internet begeben, erklärte Bundesgeschäftsführerin Michaela Sburny am Freitag der APA. "Wir haben schon beim letzten Mal darauf gesetzt, nun wollen wir es verstärken". Schlagworte wie "Interaktion" und "optimale Kommunikation" sollen den grünen Internet-Wahlkampf dominieren.

Plakat-Aktion

Ein deutliches Zeichen in diese Richtung ist auch die Akzeptanz der Plakat-Aktion des Wiener Gemeinderats Christoph Chorherr durch die Parteispitze. Chorherr lud in seinem Blog User dazu ein, Plakatsujets für den laufenden Nationalratswahlkampf zu gestalten. Bis 10. August können Ideen gepostet werden, dann folgt eine Web-Abstimmung, die am 18. August einen Sieger bringen soll. Die besten Vorschläge sollen produziert und auch wirklich plakatiert werden, wurde seitens Bundesparteisekretär Lothar Lockl betont: "Wir sind die Internet-Partei Nummer 1 in Österreich."

"Endlich fragt mich mal wer was"

„Das Internet ist das größte Geschenk zur Überwindung des Feudalstaates", meint Chorherr im Gespräch mit derStandard.at. „Die da unten" stehen auf gleicher Augenhöhe mit „denen da oben". Das erzeuge auch Kritik, so Chorherr, aber der müsse man sich stellen. Bei seiner Blogaktion gehe es nur auf den ersten Blick ausschließlich um Wahlplakate, tatsächlich aber um die Kernpositionierung der Grünen.
„Das Feedback der Leute ist ganz eindeutig: Endlich fragt mich mal wer was", berichtet Chorherr. Es entstehe ein Dialog auf extrem hohem Niveau. „Die Menschen sind bereit beizutragen, und ich möchte diesen Dialog mit den Zehntausenden fördern, die, würde man sie fragen, etwas zu sagen hätten".

Imagevorteil

Und wie empfindet der Politologe die grünen Aktionen? Die Grünen würden damit mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, so Perlot. Erstens: Durch einen innovativen Zugang zum Wahlkampf wird Aufmerksamkeit erzeugt. Zweitens: Dem Image der Partei schadet die Aktion ebenfalls nicht. „Das Internet gilt als junges, innovatives Medium". Drittens: Das partizipative Element des Abstimmens wird von den Wählern honoriert.Und zu guter Letzt sprechen auch pragmatische Gründe für die grüne Aktion: „Wieso soll man nicht auf den Pool an Kreativität, der im Netz wartet, zugreifen?"

Allerdings warnt Perlot davor, den Weg nur ein Stück zu gehen anstatt ganz. Wenn man sich auf das Internet einlasse, müsse man sich dazu bekennen und entsprechende Ressourcen bereitstellen. „Es gibt nicht Schlimmeres als eine Email, die nie beantwortet wird". (Anita Zielina, derStandard.at, 26.7.2008)

 

 

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    Christoph Chorherr lud in seinem Blog User dazu ein, Plakatsujets für den laufenden Nationalratswahlkampf zu gestalten. Bis 10. August können Ideen gepostet werden.

  • In Österreich ist das Netz für die meisten Parteistrategen noch eher
eine lästige Nebenbühne, für die Werber ein vernachlässigbarer Part im
Medienmix.
    foto: standard/matthias cremer

    In Österreich ist das Netz für die meisten Parteistrategen noch eher eine lästige Nebenbühne, für die Werber ein vernachlässigbarer Part im Medienmix.

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