Kraftvoll klingende Unterrichtsstunde

25. Juli 2008, 17:20
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Bregenz ist im Sommer ein Synonym für spektakuläres Opern-Open-Air: Überzeugende Premiere von Ernst Kreneks Zwölftonoper "Karl V." bei den Bregenzer Festspielen

Bregenz - Bregenz ist im Sommer ein Synonym für spektakuläres Opern-Open-Air; viele wissen gar nicht, dass sich das Programm der Festspiele mitnichten darin erschöpft. Neben Orchesterkonzerten und Schauspiel hat die Reihe "Kunst aus der Zeit" inzwischen eine verdienstvolle Tradition.

Und neben der Operette im Kornmarkttheater, für die Intendant David Pountney gerne mit überraschenden Raritäten aufwartet, wird alljährlich im Festspielhaus eine große Opernproduktion geboten. Auch sie gilt meist einer Rarität und noch dazu stets eher anspruchsvollen Werken.

Geschichtsträchtig

Man könnte also sagen, dass die Annäherung an die Publikumsgunst, die die Produktionen auf der Seebühne kennzeichnet, durch das restliche Programm, besonders mit der sogenannten Hausoper, wieder kompensiert wird. Das gibt den Bregenzer Festspielen ein raffiniert eigenständiges Profil. Dieses wird heuer durch einen dem Komponisten Ernst Krenek gewidmeten Schwerpunkt geschärft, in dessen Zentrum das Musiktheater Karl V. steht, das als "erste Zwölftonoper" in die Musikgeschichte eingegangen ist.

Geschichtsträchtig ist das Werk in mehrerer Hinsicht: Entstanden in der explosiven Stimmung der österreichischen Zwischenkriegszeit im Auftrag von Staatsoperndirektor Clemens Krauss, wurde die für 1934 geplante Uraufführung unter dem Druck der Heimwehr abgeblasen; im Jahr des Anschlusses kam das Werk dann in Prag heraus. Krenek war zwar nach eigenem Bekenntnis seit seiner Schulzeit vom Herrscher, in dessen Reich die Sonne niemals unterging, fasziniert. Dennoch ging es ihm mehr um einen Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen. Sein Libretto zeigt, wie klarsichtig er bereits die damalige gefährliche Lage Österreichs einschätzen konnte und dass es ihm darum ging, Alternativen zum drohenden Anschluss an Deutschland zu entwickeln.

Die Dramaturgie der Oper entfaltet ihre Komplexität durch eine höchst einfache Grundkonstellation: Der Kaiser hat freiwillig abgedankt, hadert mit seinen Entscheidungen und beichtet einem Mönch sein Leben, das in Form etlicher Rückblenden nochmals abläuft. Damit ist das Stück freilich in szenischer Hinsicht alles andere als leicht zu realisieren. Regisseur Uwe Eric Laufenberg hatte nun überhaupt kein Interesse daran, das Stück als "Kostümschinken" zu zeigen, wie er dem Standard im Vorfeld der Premiere sagte.

Stattdessen entschied er sich für den Kunstgriff, als Rahmenhandlung eine neue Situation zu schaffen und eine Unterrichtsstunde zu schildern, in der der Lehrer in die Rolle Karls schlüpft und die Schüler teils mitspielen, teils aufbegehren. Das ist insofern schlüssig, als das ganze Werk einen deutlichen didaktischen Einschlag besitzt und autoritäre Lehrer des alten Schlags ja tatsächlich auch etwas von totalitären Herrschern hatten.

Dass das Konzept weitgehend greift, hieße nicht, dass es ohne Widersprüche auskäme - dies ginge bei dieser Oper freilich ohnehin nur, wenn man ihre eigenen Widersprüche zurechtbiegen wollte. Der Inszenierung gelingt es aber, überaus nahe an Kreneks Vorgaben zu bleiben und doch ihre eigene Perspektive einzuflechten.

In der Unterrichtssituation lässt sich denn auch problemlos Tizians Gemälde Das jüngste Gericht einbinden wie auch Landkarten aus der Zeit des Monarchen, aber auch aus den 1940er-Jahren. Entsprechende Symbole, die Laufenberg sparsam und gezielt einsetzt, sind nicht nur deswegen stimmig, weil Krenek selbst die Beziehung seiner Zeit zur Historie ein zentrales Anliegen war, sondern vor allem wegen der intuitiven Nähe zur damals nahen Zukunft, die er in dieser Oper hergestellt hatte.

Abgründig und expressiv

Dass er den Kaiser von seiner dunklen Seite, verletzlich und grüblerisch zeichnet und ihn dann in Frieden sterben lässt, erschließt freilich eine zutiefst humanistische Sicht auf diese abgründige Herrschergestalt, die Dietrich Henschel mit allen Qualitäten des Liedsängers verkörperte: Mit gemeißelter Wortdeutlichkeit, verzweifelter Expressivität mit sich ringend, entwarf er eine Figur, deren Stärke das Eingestehen von Schwäche ist.

Das tolle Ensemble, zu dem auch die Camerata Silesia aus Katowice gestoßen war, wurde vom Dirigenten Lothar Koenigs in denkbar souveräner Weise getragen, die Partitur von den Wiener Symphonikern unter Aufbietung größter Konzentration kraftvoll zum Leuchten gebracht, das Motivgeflecht transparent gemacht. Empfehlenswert! (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2008)

Weitere Aufführungen: 27.7., 11.00, 31.7., 19.30, 3.8., 11.00

  • Ein ehemaliger Weltherrscher hadert mit seinem Leben: Dietrich Henschel (Karl V.) gewinnt höchsten Ausdruck aus Verzweiflung.
    foto: förster

    Ein ehemaliger Weltherrscher hadert mit seinem Leben: Dietrich Henschel (Karl V.) gewinnt höchsten Ausdruck aus Verzweiflung.

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