Schwarz-roter Blues

19. Februar 2003, 18:38
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Schüssel und Gusenbauer wissen, dass sie miteinander nicht wollen, wollen aber niemanden wissen lassen, wer als Erster nicht wollte - Von Samo Kobenter

In jeder anderen, vernunftdurchwachseneren politischen Landschaft als der österreichischen würde man jede weitere Verhandlungsrunde zwischen zwei zuvor so grandios gescheiterten Fast-Koalitionären wie ÖVP und SPÖ als den Ausweis umfassender Unfähigkeit oder zumindest als Dokument mangelnden Wollens erkennen. Und akzeptieren. In Österreich, das dem Scheitern als solchem einen an und für sich sympathisch hohen Stellenwert einräumt, gilt so etwas dagegen als ultimativer Beleg der Beherrschung großen Taktierens. Die Pflanzerei, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel dem Land zumutet, hat ihn seltsamerweise in den Ruf erhoben, einem großen, überraschenden Masterplan zu folgen. Doch je länger man ihm zusieht, desto weniger ist davon zu bemerken.

Und je genauer man hinsieht, umso jämmerlicher wirkt der Entwurf: Keine der drei Parteien hat der Kanzler bisher überzeugen, keiner eine realisierbare Perspektive eröffnen können. Die spannendste Variante hat sich in Luft aufgelöst, nachdem Schüssel die stabilste verworfen hatte, um sich die riskanteste - und, nimmt man den Anlass der Wahl als Messlatte, unnötigste - bis zuletzt aufzubewahren.

Das ist tatsächlich ein taktisches Meisterstück, das nur noch von Schüssels Ehrenrunde mit Alfred Gusenbauer übertroffen wird. Beide beschädigen sich mit dieser Aktion, die ihre gegenseitige Abneigung nicht kaschiert, sondern noch einmal enthüllt: Sie wissen, dass sie miteinander nicht wollen, wollen aber niemanden wissen lassen, wer als Erster nicht wollte. Dabei ist das einerlei: Was vorbei ist, ist vorbei. Schüssel riskiert, wenn er weiter zuwartet, jene Obmanndebatte, die Gusenbauer fürchtet, wenn er in Opposition bleibt. Den Blues haben beide schon, das ist bei aufgeschobenen Entscheidungen eben so. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2003)

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