"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

28. Juli 2008, 16:00
22 Postings

Kaffee holen war gestern - Praktikanten in der Medienbranche leisten immer mehr, doch die Gehälter bleiben niedrig und von einer Fixanstellung träumen nur die wenigsten

Kopieren gehen, Post sortieren, Akten schlichten. Vorurteile über die Tätigkeiten eines Praktikanten gibt es zur Genüge. derStandard.at/Karriere hörte sich in der Medienbranche um und muss zahlreiche Vorurteile revidieren. Artikel verfassen, Beiträge schneiden und Geschichten recherchieren gehören heute ebenfalls zu den Aufgaben eines Praktikanten. Die geringe Bezahlung ist jedoch kein Mythos.

Keine 'typische' Praktikantenarbeit

So erhält Thomas für vier Wochen bei einem österreichischen Monatsmagazin 350 Euro. Aber typisches Praktikantengehalt heißt nicht unbedingt 'typische' Praktikantenarbeit, denn immerhin müsse er weder kopieren gehen noch Kaffee holen. "Ich arbeite vollkommen selbständig und werde wie ein Redakteur behandelt". Er könne sich durchaus vorstellen nach seinem Studium bei dem Magazin zu arbeiten, natürlich nur als freier Journalist, denn eine Fixanstellung sei wohl utopisch.

Praktikanten sind untergeordnete 'Sklaven', die streng hierarchische Ordnung einzelner Unternehmen verbietet jeden Kontakt zu ihnen und ohnedies müsse man sie von jeder Form der Verantwortung fern halten. Auch diese Vorurteile müssen wir ins Reich der Mähren und Märchen verweisen.

"Eigentlich mache ich relativ viel", Julia arbeitet bei einem Wiener Radiosender und fühlt sich "ur gut behandelt". Sie kreiert einzelne Kulturbeiträge und sammelt auf der Straße Musikwünsche. Die Stimmung beim Sender sei keineswegs verkrampft, alle seien per du und als Praktikant werde man respektiert. Nach einem Monat Praktikum erhält sie 500 Euro.

"Respekt verdienen"

"Ich darf eigentlich alles machen und fühle mich wie ein vollwertiger Mitarbeiter". Tobias arbeitet seit drei Wochen in einer Onlineredaktion und ist durchaus begeistert. Die Redaktion sei extrem freundlich und er habe stets etwas zu tun. Nach eineinhalb Monaten winken dem Politikwissenschaftsstudenten 700 Euro.

"Recherchieren, Geschichten konzipieren, bei Drehs mitgehen und Beiträge zusammen schneiden". Armin macht sein Praktikum bei einer ORF-Sendung. Anfangs habe er sich Respekt verdienen müssen, jetzt würden ihm die Kollegen auf Augenhöhe begegnen. Er will unbedingt, dass aus dem Praktikum ein dauerhafter Job wird, die Chancen dafür seien allerdings eher gering. Trotzdem zeigt sich Armin optimistisch: "Die Hoffnung stirbt zuletzt".

Alles wunderbar?

Alle befragten Praktikanten fühlen sich natürlich nicht pudelwohl, Lisa beispielsweise arbeitet ebenfalls beim ORF und zeichnet ein komplett anderes Bild von ihrem Praktikum. Sie habe nichts zu tun, man kümmere sich nicht um sie und überhaupt bringe ihr das Ganze gar nichts. Beim Drehen und Schneiden dürfe sie lediglich zusehen, eigene Aufgaben habe sie keine. Für ein Monat der Langeweile erhält sie 500 Euro. (kies, derStandard.at, 28.7.2008)

Zum Thema

Generation Praktikum im Ressort Bildung

Tipps der Arbeiterkammer Wien bei Pflichtpraktika

  • Vereinbarungen über die Entlohnung sollten unbedingt im Arbeitsvertrag festgehalten werden.
  • Entgelt für Feiertags- und Sonntagsarbeit, Entgeltfortzahlung bei Krankheit, Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld), Ersatzleistung für nicht verbrauchten Urlaub und dergleichen richten sich nach den gesetzlichen bzw. kollektivvertraglichen Bestimmungen, die auch bei einem "normalen" Arbeitsverhältnis zur Anwendung kommen.
  • Die Lohnabrechnung unverzüglich nach Erhalt kontrollieren, damit man fehlende Beträge rechtzeitig einfordern kann. In manchen Kollektivverträgen ist nämlich festgeschrieben, dass offene Ansprüche nur binnen eines gewissen - oft extrem kurzen - Zeitraumes geltend gemacht werden können. Ist dieser verstrichen, verfallen die Ansprüche endgültig. Keine Verzichtserklärungen unterzeichnen!
  • Vor dem Praktikum erkundigen, ob man am Ende auch ein Dienstzeugnis ausgestellt bekommt.

  • Kaffee holen war gestern: Die Aufgaben der Praktikanten werden immer mehr, den Respekt müssen sie sich allerdings oft erst verdienen
    Foto: derStandard.at/Markus Kiesenhofer

    Kaffee holen war gestern: Die Aufgaben der Praktikanten werden immer mehr, den Respekt müssen sie sich allerdings oft erst verdienen

Share if you care.