Hunza Peak: Die Wand ruft!

20. Juli 2008, 10:57
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"Vienna Verticals" wollen hoch hinaus: Drei Wiener Extrembergsteiger "wollen die schwierigste Erstbesteigung im Himalaya schaffen"


Wien - Im Schatten medialer Großereignisse wie EURO 2008 und Olympia bereiten sich drei Wiener Extrembergsteiger auf eines der letzten großen Abenteuer im Himalaya-Karakorum-Gebirge vor: Harry Grün (49), Klaus Bonazza (24) und Jakob Karner (26) wollen den Gipfel des 6.270 Meter hohen Hunza Peak in Pakistan besteigen. Was in Zeiten des Massentourismus im Himalaya vordergründig recht bescheiden klingt, hat es aber echt in sich, denn die Route zum Gipfel soll über die senkrechte, 1.200 Meter hohe Südwand erfolgen, die bisher noch kein Mensch "geknackt" hat, weil sie als extrem schwierig gilt.

Sechs Wochen am Berg

"Wir planen eine Expedition, bei der wir etwa sechs Wochen direkt am Berg verbringen werden, davon werden wir wohl um die drei Wochen in der Wand hängen, bei jedem Wetter, Tag und Nacht", erzählen Bonazza und Grün. "Die höchsten Gipfel - die Achttausender - interessieren uns nicht, sie sind alle schon oft bestiegen worden. Was wir wollen, ist neue alpinistische Meilensteine setzen. Nicht die Höhe des Gipfels macht die Größe einer Unternehmung aus, sondern die Schwierigkeit des Berges und die Art, wie man damit umgeht." Wie in den Alpen, sind auch im Karakorum und im Himalaya die scheinbar unbedeutenden, niedrigeren Berge die oft schwierigeren, abweisenderen und spektakuläreren, zeigen sich die Bergsteiger überzeugt, die sich "Vienna Verticals" nennen, um klar zu machen, dass Wien nicht unbedingt mit Flach- und Hügelland gleichzusetzen ist.

Keine Erfahrungswerte

Noch niemand hat die Südwand des Hunza Peak auch nur annähernd geschafft, denn es war noch nie jemand dort. Es gibt keine Erfahrungswerte, an denen man sich orientieren kann. "Die Fotografien die uns zur Verfügung stehen, wurden alle aus großer Entfernung aufgenommen", erzählt der gebürtige Südtiroler Bonazza. "Die spannendsten Momente bei unserer Expedition werden sich bei den Entscheidungen über die Routenführung ereignen, denn die meisten Wandzonen sind nicht kletterbar. Wie in einem Labyrinth gilt es eine zusammenhängende Linie mit Rissen, Bändern und Stufen zu finden, die einen Durchstieg zum Gipfel ermöglichen."

Für den voraussteigenden Kletterer bedeutet das eine andauernde nervliche Anspannung: "Jeder Klettermeter kann neue Überraschungen bringen, kann in einer Sackgasse enden. Kann man in dem Riss dort gute Sicherungen legen? Wo ist der nächste sichere Schlafplatz, wo gibt es Wasser oder Eis zum Schmelzen? Jede Entscheidung kann über Erfolg oder Scheitern bestimmen, muss gut abgewogen sein, muss eine gemeinsame Entscheidung sein, die dann der Führende durch sein Kletterkönnen und seinen Mut bestmöglich umsetzen muss."

Anders als im Alpinstil von Messner & Co. verlangt eine solche Wand das Klettern im "Big Wall"-Stil. Damit ist gemeint, dass immer nur ein Kletterer die Route sucht, hinaufklettert und einen sicheren Standplatz einrichtet. Dann fixiert er ein Transportseil. An dem steigen die anderen Kletterer nach und ziehen dann die ganze Ausrüstung hinterher. Solche Bilder kennt man u.a. vom amerikanischen Yosemite-Valley.

Schwebebetten

Geschlafen wird auf wackligen, an einem Seil hängenden Alu-Konstruktionen in der senkrechten Wand. Jeder der rund 300 Gegenstände muss mit einer Schnur gesichert sein, das gilt für die Zahnbürste genauso wie für den superleichten Spezialschlafsack. "Alles was nicht angebunden ist, landet 3.000 Meter tiefer in einer Gletscherspalte", bemerken die Kletterer grinsend, "und dort ist es aber wirklich nutzlos". Alles, ca. 200 Kilogramm, muss von den Kletterern in zahllosen Etappen zur Wand getragen und dann an einem Seil die Wand hochgezogen werden. Keine Treppen, kein Lift.

Extremes

Jeden Tag werden Grün, Bonazza und Karner im noch völlig unbekannten Gelände klettern, die körperlichen und psychischen Herausforderungen sind dabei enorm. "Wir werden alles ertragen müssen", berichten sie: "Die völlige Isolation, das Zusammenleben auf engstem Raum, die Notwendigkeit, jeden Handgriff perfekt auszuführen, die Unmöglichkeit schnell mal 'auszusteigen', wenn einem der Stress zu viel wird." Gleichmütig muss man auch die Launen des Wetters ertragen: Einmal peitscht ein Schneesturm das Hängezelt bei minus 25 Grad, dass man davon seekrank wird, dann knallt wieder die Sonne in die Wand, so dass einem jedes Fleckchen Schatten vorkommt wie das Paradies.

Nicht nur die Höhe ist groß, sondern auch der Kalorienverbrauch: Jeden Tag müssen etwa 20 Kilogramm Eis zu Wasser geschmolzen werden. Sieben Liter Flüssigkeit und rund 7.000 Kilokalorien wird jeder Alpinist pro Tag benötigen. Trotzdem wird jeder "Vertical" wegen der enormen körperliche Belastung innerhalb eines Monats rund zehn Kilogramm Körpergewicht verlieren.

Spaziergang

Nach den Tagen und Wochen in der Wand wird den drei Bergsteigern der letzte Abschnitt vor dem Gipfel wie ein Spaziergang vorkommen: "Wir werden mit Brennstoff und Nahrungsmitteln für nur drei Tage mit einem kleinen Rucksack klettern. Dabei gilt es, möglichst rasch die restliche Wand zu durchsteigen und den Gipfel zu erreichen."

Natürlich kann im Sommer 2008 kein Gespräch mit Extrembergsteigern geführt werden, ohne auf die Tragödie des Südtirolers Karl Unterkircher am Nanga Parbat zu sprechen zu kommen. "Das ist natürlich tragisch, wir sind sehr betroffen und trauern mit den Angehörigen. Aber wir kennen noch nicht die genauen Umstände des Unglücks, wir wissen nicht, was da oben passiert ist", meint Klaus Bonazza. An einen Abbruch der Vorbereitungen zur eigenen Expedition denken die "Vienna Verticals" aber nicht, dazu sei es zu spät, außerdem sei Unterkircher in einer Gletscherspalte ums Leben gekommen, am Hunza Peak seien diese praktisch kaum vorhanden. Und prinzipiell sei die Faszination der Berge ohnehin zu groß, um sich ihnen zu entziehen.

Aufbrechen werden die Wiener Extrembergsteiger Mitte August, Ende September sollte die Südwand des Hunza Peak als Erfolg in ihren Tourenbüchern verzeichnet sein. (APA)

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