In den Startlöchern

19. Juli 2008, 17:00
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Die exakte Zeitmessung bei den Olympischen Spielen ist ein technischer Großaufwand - Über die Hightech-Gerätschaften, die in Peking zum Einsatz kommen

"Wer noch nie eine Silbermedaille gewonnen hat, kann nicht ermessen, wie viel Bitterkeit sie auslöst", klagte das österreichische Slalom-Ass Matthias Leitner, als ihm sein Landsmann Ernst Hinterseer 1960 olympisches Gold in Squaw Valley quasi vor der Nase weggeschnappt hatte. Diese Gedanken werden auch 2008 vermutlich viele jener Athleten plagen, die in Peking nur auf der zweiten Stufe des Siegertreppchens landen.

Dafür, dass dem so ist, kann Omega, der offizielle Zeitnehmer jener Wettbewerbe, natürlich nichts. Die Bieler Uhrenmarke wacht heuer zum 23. Mal bei 27 olympischen Sportarten über die kostbare Zeit. Und dafür brauchte es 420 Tonnen eidgenössischer Technik, welche zu den insgesamt 37 Austragungsorten in und um Peking verfrachtet werden mussten. Zum Equipment gehörten neben der eigentlichen Zeitnahme-Gerätschaft auch 70 öffentliche und 322 sportartspezifische Anzeigetafeln, 175 Kilometer Kabel und Glasfaserleitungen sowie 65 TV-Generatoren. Gut 70 einschlägig erfahrene Experten der Swiss Timing, einer Tochter der Swatch Group, entwickelten die nötigen Zeitnahme- und Anzeigesysteme. Swatch Group und Omega lassen sich dieses olympische Zeit-Engagement mehr als 20 Millionen Euro kosten.

"Scan'O' Vision"

Zum bekanntesten Mess-Equipment gehört die Fotofinish-Kamera "Scan'O' Vision". Bei Kurzstreckensprints und anderen Laufwettbewerben wacht sie exakt an der Ziellinie über das Geschehen. Die Technologie basiert auf sekündlich 2000 Digitalbildern, welche die Wettkämpfer beim Kreuzen der Ziellinie erfassen und anhand ihrer Nummern identifizieren. Auf dem langgestreckten Zielfoto erscheinen sie über einer Skala, auf der sich die Zeitdauer vom Start bis ins Ziel ablesen lässt. Leerräume zwischen den Athleten repräsentieren die Zeitunterschiede.

Ohne moderne Startblöcke mit integrierten Sensoren wäre der ganze Aufwand nur die Hälfte wert. Die Startpistole sendet ihren Knall an kleine Lautsprecher in jedem einzelnen dieser Blöcke. Auf diese Weise vernimmt jeder Läufer ihr Signal zur gleichen Zeit. Ein intelligentes Reaktionszeit-Erfassungssystem meldet unverzüglich Früh- oder Fehlstarts, welche unweigerlich zum Abbruch des Rennes führen.

Besondere Faszination

Marathonläufe strahlen eine besondere Faszination aus. Analog zu den Formel-1-Boliden enthalten die Schuhe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Transponder. Etliche Antennen entlang der Strecke erfassen die ausgesendeten Signale mit unveränderlichem ID-Code und senden die jeweiligen Werte an die Datenstation.

Das Zeitnahmesystem für die Schwimmwettkämpfe stützt sich hingegen auf Anschlagmatten, installiert an beiden Enden der Schwimmbahnen. Sie reagieren auf Berührung durch die Sportler, stoppen die Zeit also ganz automatisch. Damit greifen die Schwimmer aktiv in die Bestimmung ihrer persönlichen Endzeit ein. Letzte Sicherheit verschaffen wiederum Hochgeschwindigkeitskameras, welche die Zielperformance für den Fall des Falles beweissicher aufzeichnen.

Die gute alte Mechanik hat restlos ausgedient in der Sportzeitmessung. Sie muss passen vor einem Zeitalter, das Unterschiede stets geringer und Siege immer bedeutsamer werden lässt. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/18/07/2008)

Zur Ansichtssache: Dabei sein ist alles

  • Schwimmerinnen wie Katie Hoff schlagen am Ende der Bahn die Zeit selbst an.
    foto: hersteller

    Schwimmerinnen wie Katie Hoff schlagen am Ende der Bahn die Zeit selbst an.

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